Kategorie: Börsen Updates

  • Weltbild – Update per Mai 2026

    Mit dem „Weltbild“ von Gies & Heimburger liefern wir Ihnen seit Januar 2013 ein komprimiertes Update über unser „Bild von dieser Welt“ und die Schlussfolgerungen, die wir daraus für unsere Investitionen ziehen. 

    Amerika – der Irankrieg wird die Konjunktur nicht abwürgen

    Die amerikanische Wirtschaft wuchs im vierten Quartal 2025 mit 0,70 Prozent (GDP-Wachstum – annualisiert) und damit deutlich langsamer als noch in Q3-2025. Der sich lange hinziehende Shut Down, mit reduzierten öffentlichen Ausgaben, forderte seinen Tribut. Im Auftaktquartal 2026 beschleunigte sich das Wachstum auf 2 Prozent. Der Start in das zweite Quartal ist von höherer wirtschaftlicher Dynamik geprägt: Das Prognosemodell der Atlanta Fed berechnet aktuell ein GDP-Wachstum für Q2-2026 von 4 Prozent. Bisher kann die Verunsicherung um den Iran-Konflikt offensichtlich die US-Konjunktur nicht wesentlich schwächen. Die Verantwortlichen in der amerikanischen Regierung werden nun verstärkt den Blick auf die Midterm-Wahlen am 3. November richten. Steuerliche Stimuli, sowie Angebots- und Investitionsanreize werden in den kommenden Monaten die Konjunktur vermutlich weiterhin stützen. Das übergeordnete Zauberwort für eine wachsende US-Wirtschaft bleibt eindeutig Künstliche Intelligenz (KI oder englisch AI). Die geplanten AI-Ausgaben der US-Unternehmen für 2026 liegen in einer Größenordnung von etwa 2 Billionen US-Dollar – mit deutlicher Aufwärtstendenz.

    Der Rentenmarkt preist aktuell bis Ende 2027 keine weitere Zinssenkung der amerikanischen Notenbank Fed ein. Dies erachten wir als eine Fehlinterpretation. Die Fed wird sich durch die ölpreisbedingten Inflationsängste nicht von ihrem Zinssenkungspfad abbringen lassen. Deflationäre Auswirkungen der AI-Revolution werden aktuell (fälschlicherweise) kaum betrachtet. Die Amtszeit von Fed-Chef Jerome Powell endet am 15. Mai. Sollte der US-Senat zustimmen, wird ihm Kevin Warsh, der bereits von 2006 bis 2011 Mitglied des Führungsgremiums der Federal Reserve war, nachfolgen.

    Grafik 1 (US-Leitzinserwartungen 2026 bis Ende 2027)

    Die Rendite der 10-jährigen US-Staatsanleihe ist kriegsbedingt (Inflationsängste durch den Ölpreisschock) jüngst bis auf rund 4,50 Prozent angestiegen. Wir erwarten in den kommenden Monaten (siehe oben) rückläufige US-Renditen.

    Der amerikanische Aktienmarkt stieg Ende Januar kurzfristig über die 7.000-Punkte-Marke (S&P 500), konnte dieses Niveau allerdings zunächst nicht behaupten. Infolge des Irankrieges korrigierten die US-Aktienmärkte rund 10 Prozent. Seit Ende März sehen wir eine beeindruckende Erholungsrallye, die die Aktienmärkte auf neue Rekordstände führte.

    Per Saldo erwarten wir, unter durchaus kräftigen Schwankungen, eine Fortsetzung der Aufwärtsbewegung.

    Eurozone – schwaches Wachstum, aber noch im positiven Terrain

    Das zarte Pflänzlein einer konjunkturellen Stabilisierung und Erholung in der Eurozone droht, von den Energiepreisexplosionen und Lieferkettenproblemen, als Folge des Irankrieges, das Frühjahr nicht zu überleben. Noch sollten wir die Flinte nicht ins Korn werfen, denn bei einem zügigen Ende der kriegerischen Handlungen im Nahen Osten und den damit sicherlich verbundenen Energiekostensenkungen, sollte in 2026 ein moderates Wirtschaftswachstum von ca. einem Prozent möglich sein (nach 1,5 Prozent in 2025). Die deutschen Finanzierungsvehikel (Sondervermögen Bundeswehr und Sondervermögen für Infrastruktur und Klimaneutralität) sorgen hierzulande bereits für sehr deutliche Steigerungen im Auftragseingang des verarbeitenden Gewerbes.

    Die Europäische Zentralbank (EZB) steht vor einem Balanceakt. Bei einer Zinserhöhung, um dem möglicherweise aufkommenden Inflationsdruck frühzeitig entgegenzuwirken, laufen die Währungshüter Gefahr, die Konjunktur komplett abzuwürgen. Ich hoffe sehr, dass man im Eurotower in Frankfurt besonnen reagiert und den externen Preisschock (Energiekosten) nicht überinterpretiert.

    Grafik 2 (EZB Zinserwartungen 2026 bis Januar 2027)

    Die Renditen der 10-jährigen Bundesanleihen stiegen in Folge der energiepreisgetriebenen Inflationssorgen gegen Ende des ersten Quartals auf 3,10 Prozent. Die weitere Renditeentwicklung ist logischerweise sehr eng mit der Entwicklung im Nahen Osten verknüpft. Wenn die Friedensbemühungen erfolgreich sind und die Energiepreise fallen, dann besteht nach unserer Einschätzung deutliches Potenzial für einen Renditerückgang.

    DAX und EuroStoxx mussten nach dem guten Jahresstart den geopolitischen Risiken deutlich Tribut zollen, wobei der konjunktursensiblere DAX insgesamt schlechter abschnitt als der breiter aufgestellte Euro Stoxx. Ob die Kursstabilisierung der vergangenen Tage anhält, wird kurzfristig überwiegend von der Nachrichtenlage im Nahen Osten abhängig sein.

    Japan – hartnäckige Inflation (steigende Lebensmittelpreise) mit steigenden Zinsen

    Die wirtschaftliche Entwicklung in Japan wird sich nach einem robusten Wachstum von 1,3 % des BIPs im Jahr 2025 voraussichtlich auf 0,9 % in 2026 verlangsamen. Während die Binnennachfrage der Hauptwachstumsmotor bleibt, sorgt die Auslandsnachfrage aufgrund der US-Zölle und der Unsicherheiten durch den Irankrieg für einen leichten Rückgang der Wirtschaftstätigkeit. Der private Konsum wird durch Lohnzuwächse gestützt, doch die Gesamtinflation bleibt durch steigende Lebensmittelpreise und die nun einsetzenden Energiepreisexplosionen stark belastet. Der Start von Sanae Takaichi als erste Premierministerin Japans verlief derweil unspektakulär. Ob es im weiteren Jahresverlauf 2026 eine Beschleunigung der konjunkturellen Entwicklung gibt, müssen wir angesichts der fragilen geopolitischen Lage im Nahen Osten genau beobachten.

    Die Bank of Japan wird nach unserer Einschätzung an einer vorsichtigen Normalisierung der Geldpolitik festhalten, um die Inflation im Zaum zu halten. Der Renditeanstieg bei 10-jährigen Staatsanleihen auf über  2,50 Prozent stellt für die Währungshüter und den Staatshaushalt hinsichtlich des Schuldendienstes eine Herausforderung dar. Der japanische Aktienmarkt (Nikkei 225) folgte jüngst den Vorgaben der US-Märkte und erzielte nach der geopolitischen Korrektur im März nun bereits wieder neue Rekordstände.

    Emerging Markets:

    China – Strukturelle Anpassung trifft auf neue Exportdynamik

    Chinas Wirtschaft behielt im Jahr 2025 eine solide Dynamik bei und erreichte ein BIP-Wachstum im Jahresvergleich von knapp 5 %. Laut dem China-Wirtschaftsupdate der Weltbank wird das Wachstum für 2026 auf 4,4 % prognostiziert, da bestehende Gegenwinde bestehen bleiben, wenngleich jüngste Daten für das erste Quartal mit 5,0 % positiv überraschten. Dieser Zuwachs wird jedoch primär durch eine massive Exportoffensive bei den „neuen drei Motoren“Elektromobilität (+68,1 %), Lithium-Batterien (+43,2 %) und Green-Tech – getragen, welche die schwache Inlandsnachfrage kompensiert.

    Dennoch bleiben die privaten Haushalte bei ihren Ausgaben vorsichtig angesichts sinkender Immobilienpreise. Für 2026 wird hier ein weiterer Rückgang von 4 % bis 6 % erwartet. Die Zentralbank (PBOC) reagiert hierauf mit einer moderaten Lockerung der Geldpolitik und historisch niedrigen Hypothekenzinsen von 3,1 %, um eine Bodenbildung zu erzwingen. Belastet wird die Stimmung zudem durch einen schwachen Arbeitsmarkt; insbesondere die Jugendarbeitslosigkeit von rund 17 % sowie wachsende Sorgen über die Auswirkungen der KI-Revolution auf künftige Beschäftigungsprofile fördern einen Trend zum „rationalen Luxus“ und zur verstärkten Nutzung von hochwertigen Ersatzprodukten („Dupes“).

    Einen zentralen Wachstumsmotor stellt die chinesische KI-Industrie dar, wobei Unternehmen wie Alibaba, Baidu oder Tencent technologisch weiterhin die einzigen ernsthaften Herausforderer für das Silicon Valley sind. Dies stellt für China einen nicht zu unterschätzenden Wachstumsmotor dar. Da sich der chinesische Technologieindex (Hang Seng Tech Index) seit Anfang Oktober 2025 in einer Korrektur- bzw. Bodenbildungsphase befindet, sehen wir in diesem Marktsegment sehr interessante Kurschancen im weiteren Jahresverlauf.

    Das geopolitische Risiko bezüglich Taiwan bleibt latent vorhanden und ist nicht vorhersehbar. Wir gehen jedoch unverändert davon aus, dass die Führung in Peking das enorme militärische Risiko einer Eskalation in der gegenwärtigen Situation (noch) nicht eingehen wird.

    Lateinamerika – politische Transformationen und herausfordernde Beziehungen zu den USA

    Die Region Lateinamerika ist mit strukturellen Engpässen und einem geringen Innovationsniveau konfrontiert, wodurch die Volkswirtschaften anfällig und von einer begrenzten Palette von Exportgütern abhängig sind. Wir sind aktuell nicht in Lateinamerika investiert und verfolgen die Entwicklungen in den einzelnen Ländern von der Seitenlinie aus.

    Indien – ein Lichtblick in puncto Wachstum

    Indien hat im Zeitraum 2025/26 Japan überholt und ist zur viertgrößten Volkswirtschaft der Welt aufgestiegen. Der IWF erwartet, dass das Land bis 2028 auch Deutschland übertreffen wird. Mit einem realen BIP-Wachstum von ca. 7,7 % im abgelaufenen Fiskaljahr bleibt Indien das dynamischste G20-Land. Für das laufende Jahr 2026/27 rechnen wir aufgrund gestiegener Energiepreise und auslaufender steuerlicher Impulse mit einer moderaten Normalisierung auf etwa 6,7 %.

    Hinter dieser Dynamik stehen eine robuste Binnennachfrage, die weltweit größte Erwerbsbevölkerung (Medianalter 29 Jahre) und erfolgreiche Strukturreformen. Marktbeobachter wie Franklin Templeton identifizieren nach jüngsten Marktkorrekturen attraktive Bewertungen und erwarten eine Gewinnerholung im Jahresverlauf 2026.

    Rohstoffe / Rohstoffaktien: 

    Parabolischer Höhenflug im Januar – dann Korrekturmodus

    Der Goldpreis und die Börsenkurse der Goldproduzenten verzeichnete im Januar eine extrem starke Performance mit einem Anstieg von über 12 Prozent (Gold) getrieben durch die geopolitischen Spannungen und hoher Nachfrage von Investorenseite und Notenbanken. Auf dem All-Time-High von über 5500 USD pro Unze setzte eine deutliche Korrektur ein. Gewinnmitnahmen und Verkäufe von Zentralbanken des Nahen Osten wurden als Begründung herangeführt. Objektiv betrachtet war, nach dem enormen Preisanstieg, eine Korrektur fällig und gesund.

    Das aktuelle Preisniveau kann man wieder hervorragend für Zukäufe nutzen. Denn an den zentralen Themen, die den Goldpreis in der Vergangenheit nach oben getrieben haben – wie Dedollarisierung, geopolitische Unsicherheiten, Inflationssorgen und die weltweit ausufernde Verschuldung – hat sich nichts geändert. 

    Einen parabolischen Anstieg im Januar um fast 65% auf ca. 120 USD  je Unze verzeichnete der Silberpreis und daraus abgeleitet auch die Kurse der entsprechenden Silberproduzenten. Im Silbermarkt machten Spekulationen von physischen Auslieferungsproblemen der Warenterminbörsen Comex (New York) und LBMA (London) die Runde. Lieferausfälle konnten (vorerst) vermieden werden, indem die Kontrakte in die Zukunft gerollt wurden. Nach den spekulativen Übertreibungen korrigierte der Silberpreis deutlich. Bei rund 70 USD pro Feinunze bildet er aktuell einen tragfähigen Boden aus.

    Angebotsdefizit bei Silber bleibt

    Anders als in vergangenen Boom-Phasen wird der Silberpreis nicht von spekulativen, sondern von fundamentalen Faktoren gestützt. Ein zentraler Treiber ist das strukturelle Defizit. Bereits im sechsten Jahr in Folge übertrifft die Nachfrage das Angebot und trotz leicht steigender Minenproduktion und höherem Recycling kann die Versorgungslücke nicht geschlossen werden. Langfristig wird Silber von strukturellen Trends unterstützt: der Aufbau von KI-Rechenzentren, leistungsstarken Solarkraftwerken, Elektromobilität und Stromnetzen wird weiterhin für eine stabile / steigende industrielle Nachfrage sorgen.

    Gerade durch die Kombination aus Versorgungsengpässen (die Produktionsausweitung geht nur sehr langsam von statten) und höherer industrieller Nachfrage hat Silber und die entsprechenden börsennotierten Produzenten weiterhin ein erhebliches Aufwärtspotenzial.

    Kupfer und Lithium in einer ähnlichen Ausgangslage wie Silber vor drei Jahren

    Wir sehen eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass im Kupfer– und Lithiumsektor in den kommenden Jahren ähnliche Nachfrageüberhänge wie aktuell beim Silber entstehen. Dies eröffnet den Produzenten die Chance auf kräftige Gewinnsteigerungen und sodann folgerichtig weitere Kurssteigerungen der einschlägigen Aktien.

  • Die unsichtbare Revolution: Warum wir die KI-Bagger nicht sehen

    Wenn wir in der Geschichte zurückblicken, kündigten sich große wirtschaftliche Umbrüche meist unüberhörbar an. Die Industrielle Revolution kam mit dampfenden Lokomotiven und rauchenden Fabrikschloten. Der Bauboom der Nachkriegszeit zeigte sich in einem Meer aus Kränen und dem Dröhnen schwerer Maschinen. Fortschritt war sichtbar – und vor allem hörbar.

    Heute stehen wir erneut an der Schwelle einer fundamentalen Transformation: der KI-Revolution. Doch wer aus dem Fenster blickt, sieht – scheinbar – nichts. Keine neuen Schienenstränge, keine gigantischen Baustellen in den Innenstädten, kein offensichtlicher Umbau unserer physischen Welt.

    Ist der Hype also übertrieben? Ganz im Gegenteil.

    Wir befinden uns erst am Anfang einer Entwicklung, deren Infrastruktur im Verborgenen entsteht. Die „Bagger“ dieser Revolution arbeiten nicht im Stadtzentrum, sondern fernab: in den Ebenen von Texas, auf ehemaligen Industrieflächen im Rheinland und unter der Erde, wo neue Stromtrassen und Glasfasernetze verlegt werden.

    Ein historischer Vergleich: Schneller als alles zuvor

    Betrachtet man den „Markt“ als Summe der Investitionsausgaben (Capex), dann entwickelt sich die KI-Infrastruktur gerade zum größten zivilen Infrastrukturprojekt aller Zeiten.

    Schätzungen von Morgan Stanley und Goldman Sachs zufolge werden bis 2028 rund 3 Billionen US-Dollar allein in KI-Rechenzentren fließen. Noch beeindruckender ist jedoch die Geschwindigkeit:

    • Unternehmen wie Microsoft, Meta und Amazon investieren allein im Jahr 2026 etwa 725 Milliarden US-Dollar in Hardware und Infrastruktur.

    Das ist ein Mobilisierungstempo, das historisch eher aus Kriegszeiten bekannt ist als aus Friedensphasen.

    Ein Meilenstein: Das Projekt „Stargate“

    Während Europa noch intensiv über Regulierung diskutiert, setzen die USA seit Anfang 2025 auf eine massive, staatlich unterstützte Infrastruktur-Initiative. Mit dem Projekt Stargate wurde der Aufbau von KI-Kapazitäten offiziell zur nationalen Priorität erklärt.

    Foto von Geoffrey Moffett auf Unsplash

    Dabei geht es nicht mehr um klassische Rechenzentren, sondern um eine neue Kategorie industrieller Infrastruktur:

    • Investitionsvolumen: Bis zu 500 Milliarden US-Dollar bis 2029.
    • Energiebedarf: Rund 5 Gigawatt – vergleichbar mit mehreren Großkraftwerken.
    • Konsequenz: Aufbau einer eigenen Energieinfrastruktur, inklusive Investitionen in neue Technologien wie Small Modular Reactors (SMRs).

    Hier entsteht nicht weniger als das Rückgrat der nächsten industriellen Epoche.

    Und Deutschland? Die Revolution im Hinterland

    Auch in Deutschland hat der Wandel längst begonnen – nur abseits der öffentlichen Wahrnehmung. Ein besonders prägnantes Beispiel ist das Rheinische Revier in Nordrhein-Westfalen. Dort, wo einst Braunkohlebagger die Landschaft prägten, findet nun ein Strukturwandel par excellence statt.

    Unternehmen wie Microsoft investieren Milliarden in neue Rechenzentrumsstandorte, etwa in Bedburg und Elsdorf. Der entscheidende Vorteil: Die bestehende Energieinfrastruktur der ehemaligen Tagebauregion (Stromtrassen und Umspannwerke) wird zur Grundlage der neuen Ära.

    Das ist mehr als Strukturwandel – es ist eine Transformation von fossiler zu digitaler Wertschöpfung.

    Foto von Albert Hyseni auf Unsplash

    Die Perspektive für Anleger: Substanz schlägt Narrativ

    Für Investoren markiert diese Entwicklung eine klare Verschiebung. KI ist in dieser Phase kein reines Softwarethema – sie ist vor allem ein Infrastrukturthema. Hinter jeder Anwendung stehen physische Assets:

    • Rohstoffe: Kupfer, Lithium und Seltene Erden für Netze und Hardware.
    • Energie: Netzbetreiber und Versorger werden zu Schlüsselakteuren der Tech-Branche.
    • Immobilien: Rechenzentren etablieren sich als eigene, hochgradig stabile Assetklasse.

    Während sich der öffentliche Diskurs oft auf Anwendungen und Sprachmodelle konzentriert, entstehen im Hintergrund die eigentlichen Werttreiber.

    Fazit: Die leisen Anfänge großer Umbrüche

    Die KI-Revolution ist nicht unsichtbar – sie ist nur räumlich und strukturell verlagert. Wer genau hinsieht, erkennt bereits heute die Fundamente der nächsten wirtschaftlichen Ära. Oder anders gesagt: Die entscheidenden Werte entstehen nicht dort, wo die meiste Aufmerksamkeit ist – sondern dort, wo die Infrastruktur wächst.

    Unser Rat: Jetzt hinschauen, solange der Wandel noch leise ist.

    Hadi Messlmani
    Gies & Heimburger GmbH

  • Larry Fink: Der BlackRock Investorenbrief 2026

    Jedes Jahr veröffentlicht Larry Fink, CEO von BlackRock, seinen vielbeachteten Investorenbrief, in dem er die Gespräche zusammenfasst, die er im Laufe des Jahres mit Kunden, Mitarbeitenden, Politikern und Unternehmenschefs geführt hat. Der Brief hat mittlerweile Kultstatus erlangt. Seine diesjährigen Gedanken halten wir für besonders bedeutend und aufschlussreich und stellen sie deshalb nachfolgend in deutscher Übersetzung vor.

    Mit Ihrem Land wachsen: Gedanken eines langfristigen Optimisten

    Jedes Jahr verfasse ich diesen Brief als Zusammenfassung der Gespräche, die ich im Laufe des Jahres mit Kunden und Mitarbeitern, führenden Politikern, CEOs – und Menschen, die für ihren Ruhestand vorsorgen – geführt habe. In letzter Zeit sagen alle, egal wer gerade das Wort ergreift, dasselbe: Wir sind uns nicht sicher, wie wir diese Zeit meistern sollen.

    Das ist verständlich. Wir erleben eine Zeit, in der Dinge, die früher ein ganzes Jahrzehnt geprägt hätten, zur Routine geworden sind: Kriege mit globalen Auswirkungen, Billionen-Dollar-Unternehmen, eine grundlegende Neuordnung des internationalen Handels und das Aufkommen der bedeutendsten Technologie seit – zumindest – dem Computer.

    Die Falle des kurzfristigen Denkens

    Allzu oft wird dies durch eine kurzfristige Brille betrachtet. Tägliche Marktbewegungen werden als Signale für dauerhafte Veränderungen gewertet, und komplexe wirtschaftliche oder technologische Umbrüche werden auf Schlagzeilen reduziert. Wir leben in einer Welt, in der Informationen augenblicklich zirkulieren und Reaktionen ebenso schnell folgen. Manchmal fühlt es sich an, als würde alles von Dopamin getrieben – wo ständiger Input kurzfristige Impulse belohnt. Doch Geschwindigkeit kann die Perspektive verzerren und langfristiges Denken verdrängen.

    Fairerweise muss man sagen, dass all diese kurzfristigen Aktivitäten auf den Finanzmärkten einen Zweck erfüllen. Auf diese Weise werden neue Informationen aufgenommen, Risiken eingepreist und Kapitalallokationen vorgenommen.

    Warum „Investiert-Bleiben“ wichtiger ist als Timing

    Doch auf lange Sicht war es weitaus wichtiger, investiert zu bleiben, als den richtigen Zeitpunkt zu erwischen. In den letzten zwei Jahrzehnten hat sich jeder in den S&P 500 investierte Dollar mehr als verachtfacht. Hätte man nur die zehn besten Tage verpasst, hätte man weniger als die Hälfte verdient. Und einige der stärksten Tage des Marktes fielen gerade in Zeiten besonders beunruhigender Schlagzeilen.

    Die Gefahr besteht darin, dass wir uns so sehr auf das Rauschen konzentrieren, dass wir vergessen, worauf es tatsächlich ankommt. Die Kräfte hinter den heutigen Schlagzeilen haben sich schon seit langem aufgebaut. Das alte Modell des globalen Kapitalismus bröckelt. Länder geben enorme Summen aus, um in den Bereichen Energie, Verteidigung und Technologie autark zu werden.

    KI und die wachsende Kluft beim Vermögensaufbau

    Unterdessen floss der Großteil des Reichtums an Menschen, die Vermögenswerte besaßen, und nicht an Menschen, die den Großteil ihres Geldes durch Arbeit verdienten. Seit 1989 hat sich der Wert eines Dollars am US-Aktienmarkt mehr als 15-mal so stark erhöht wie der Wert eines Dollars, gemessen am Medianlohn. Nun droht die KI, dieses Muster in noch größerem Maßstab zu wiederholen – und den Reichtum bei den Unternehmen und Investoren zu konzentrieren, die in der Lage sind, ihn für sich zu nutzen.

    Hier liegt der Ursprung eines Großteils der heutigen wirtschaftlichen Unsicherheit: ein tiefes Gefühl, dass der Kapitalismus funktioniert – nur nicht für genug Menschen. Und eine Fokussierung auf kurzfristige Investitionen ist keine Lösung dafür. Vielmehr sind es langfristige Investitionen, die es Ländern ermöglichen, heimische Industrien aufzubauen, die es den Menschen ermöglichen, dauerhaften Wohlstand zu schaffen, und die zeigen, wie das Wachstum ihres Landes auch ihnen zugutekommen kann.

    Das „gesellschaftliche Wunder“ des Investierens

    Im besten Fall bewirkt langfristiges Investieren eine Art gesellschaftliches Wunder. Wenn Menschen ihre Ersparnisse investieren – über Jahrzehnte hinweg, nicht nur für wenige Tage –, setzen die Kapitalmärkte dieses Geld ein, um Unternehmen, Infrastruktur und Arbeitsplätze zu finanzieren. Und wenn dieser Kreislauf in Ihrem eigenen Land stattfindet, sind Ihre Zukunft und die Zukunft Ihres Landes miteinander verbunden. Sie tragen dazu bei, dessen Wachstum zu finanzieren. Und es trägt dazu bei, Ihr eigenes Wachstum zu finanzieren.

    Mein Glaube an dieses gesellschaftliche Wunder ist natürlich durch meinen Beruf geprägt. Aber ich spreche nicht nur als CEO von BlackRock – dieser Glaube spiegelt jahrzehntelange Erfahrung wider, in der ich gesehen habe, wie Investitionen dazu beitragen können, dass mehr Menschen am Wirtschaftswachstum teilhaben.

    Eine persönliche Lektion über langfristigen Wohlstand

    Er gründet sich auch auf etwas Persönlicheres. Mein Vater wurde 1925 geboren. Meine Mutter 1930. Sie stammten nicht aus wohlhabenden Verhältnissen. Mein Vater besaß ein Schuhgeschäft. Meine Mutter unterrichtete Englisch. Aber sie sparten, was sie konnten, und investierten es.

    Das war in den 1950er- und 1960er-Jahren, genau zu der Zeit, als das Interstate Highway System gebaut wurde, der industrielle Boom der Mitte des Jahrhunderts in Gang kam und der Automobilsektor das amerikanische Leben neu prägte. Und auf ihre eigene kleine Weise halfen sie, all das zu finanzieren. Sie waren Teil des Kapitals, das das moderne Amerika aufbaute. Und im Laufe der Zeit flossen die Gewinne an sie zurück. Als sie in Rente gingen, hatten sie genug Ersparnisse, um bis weit über 100 hinaus komfortabel zu leben. Denn ihr Vermögen wuchs zusammen mit der amerikanischen Wirtschaft.

    Und diese Dynamik reicht weit über die Vereinigten Staaten hinaus. Über Länder und Generationen hinweg war das Muster bemerkenswert ähnlich. Familien, die breit gefächert und konsequent investierten – durch Depressionen und Kriege, durch Inflation, Finanzkrisen und sogar eine globale Pandemie hindurch –, hatten die Möglichkeit, ihr Vermögen im Einklang mit der wirtschaftlichen Entwicklung wachsen zu lassen. Diese Geschichte ist der Grund, warum ich langfristig optimistisch bleibe. Nicht, weil der Weg ebenerdig ist, sondern weil die Märkte in der Regel diejenigen belohnen, die auch in unsicheren Zeiten investiert bleiben.

    Hürden überwinden: Finanzielle Sicherheit für alle

    Darum geht es in diesem Moment. Darum, diese Chance zu erweitern. Darum, sicherzustellen, dass mehr Menschen am Wachstum ihres Landes teilhaben können. Denn heute werden zu viele Menschen außen vorgelassen.

    Viele Menschen haben gar nicht erst das Geld, um zu investieren – Haushalte, die von Gehaltsscheck zu Gehaltsscheck leben. Man kann nicht investieren, wenn man nicht sicher ist, ob man sich die Miete im nächsten Monat, die Lebensmittel für die nächste Woche oder eine unerwartete Rechnung leisten kann. Der Ausgangspunkt muss also sein, den Menschen dabei zu helfen, eine grundlegende finanzielle Sicherheit aufzubauen.

    Und das beginnt bereits zu geschehen. Notfallsparkonten, bei denen Arbeitgeber die Einzahlungen aufstocken können und Arbeitnehmer ohne Strafgebühren Geld abheben können, gewinnen an Bedeutung. Und immer mehr Länder experimentieren mit Anlagekonten, die bei der Geburt eingerichtet werden, sodass Kinder bereits ab dem Zeitpunkt, an dem sie das Krankenhaus verlassen, am Wachstum ihres Landes teilhaben können.

    Selbst dort, wo Ersparnisse vorhanden sind, bleibt die Beteiligung begrenzt. Die USA weisen wahrscheinlich die weltweit höchste Marktbeteiligungsquote auf. Dennoch haben rund 40 % der Bevölkerung keinerlei Zugang zu den Kapitalmärkten. Weltweit ist die Beteiligung noch weitaus geringer. Milliarden von Menschen beobachten das Wachstum ihrer Volkswirtschaften von außen, als Mieter statt als Eigentümer – sie legen ihre Ersparnisse auf Bankkonten an, die kaum Zinsen bringen, anstatt zu investieren, um am Wachstum um sie herum teilzuhaben.

    Die Zukunft des Marktzugangs: Tokenisierung

    Märkte funktionieren, wenn Anleger darauf vertrauen, dass sie zu einem fairen Preis kaufen und verkaufen können. Dieses Vertrauen hilft Unternehmen, das für ihr Wachstum benötigte Kapital zu beschaffen, und ermöglicht es Familien, ihre Investitionen kostengünstig auf viele Vermögenswerte zu verteilen, anstatt sich nur auf einen einzigen zu verlassen. Die Erweiterung des Zugangs zu diesem System – durch bessere Technologie und Finanzbildung – könnte dazu beitragen, dass mehr Menschen am Wirtschaftswachstum teilhaben. Mit der Zeit könnten dieselben technologischen Fortschritte auch zu mehr Transparenz und potenziell einem breiteren Zugang zu Teilen der privaten Märkte führen – Bereichen wie Infrastruktur und private Kredite, die für die meisten Privatanleger traditionell unerreichbar waren.

    Die Hälfte der Weltbevölkerung nutzt eine digitale Geldbörse auf ihrem Smartphone. Stellen Sie sich vor, mit derselben digitalen Geldbörse könnten Sie auch langfristig in eine breite Palette von Unternehmen investieren – so einfach wie eine Zahlung zu tätigen. Die Tokenisierung könnte dazu beitragen, diese Zukunft zu beschleunigen, indem sie die Grundlagen des Finanzsystems modernisiert – wodurch Investitionen einfacher zu tätigen, einfacher zu handeln und leichter zugänglich werden.

    Ich beginne diesen Brief mit den Faktoren, die dieses Thema gerade jetzt besonders dringlich machen: die Umwälzungen im globalen Handel, die Ungleichheit, die in der letzten Generation zugenommen hat, und die Gefahr, dass künstliche Intelligenz die Kluft ohne eine breitere Marktbeteiligung weiter vergrößert.

    Anschließend werde ich vier Beispiele – unter vielen anderen – dafür anführen, wie Länder bereits jetzt die Marktbeteiligung ausweiten und mehr Menschen dabei helfen, gemeinsam mit ihren Volkswirtschaften zu wachsen.

    Der letzte Abschnitt befasst sich mit der Arbeit von BlackRock mit Kunden, die viele dieser Ziele vorantreibt.

    Ein Aufruf zum Dialog

    Noch eine letzte Anmerkung: Das Verfassen dieses Briefes ist Teil meiner Pflicht gegenüber unseren Aktionären und Kunden. Aber es ist auch ein Brief. Und Briefe sollen Gespräche anstoßen. Ich hoffe, dass dies der Fall ist. Ich werde mich um eine Vielzahl von Perspektiven bemühen und beabsichtige, einige davon hervorzuheben, die die Diskussion sinnvoll voranbringen.

  • Der Ölpreis – ein paar Tanker mehr oder weniger und die Welt gerät ins Wanken?

    Gastbeitrag unseres langjährigen Geschäftspartners Walter Feil – IhrKonzept GmbH

    Ich beobachte seit vielen Jahren die Finanzmärkte. Aber eines hat mich immer wieder erstaunt: Wie kann es sein, dass der Ölpreis plötzlich steigt oder fällt – angeblich, weil ein paar Tanker weniger unterwegs sind oder ein Förderfeld kurzzeitig ausfällt – und daraufhin sofort die gesamte Weltwirtschaft nervös wird?

    Ein paar Millionen Barrel mehr oder weniger pro Tag sollen genügen, um Aktienmärkte, Inflationserwartungen und sogar geopolitische Strategien zu beeinflussen. Ich muss gestehen: Das fällt mir schwer zu glauben. Es wirkt beinahe so, als würden wir alle einem Preis hinterherlaufen, der mit der realen Welt nur noch sehr wenig zu tun hat.

    Wenn man die täglichen Nachrichten verfolgt, entsteht fast der Eindruck, dass dieser eine Preis – der sogenannte Spot- oder Futurespreis für Öl – eine Art moderne Gottheit geworden ist. Nachrichtenagenturen, Fernsehsender, Analysten und Kommentatoren behandeln ihn mit einer Ehrfurcht, die mich an das Goldene Kalb aus der biblischen Geschichte vom Berg Sinai erinnert. Alle schauen darauf, alle zitieren ihn – aber kaum jemand stellt die entscheidende Frage: Wie entsteht dieser Preis eigentlich wirklich?

    Je tiefer man sich damit beschäftigt, desto deutlicher wird: Der Ölpreis entsteht nicht primär im physischen Handel mit Öl. Vielmehr wird er an Finanzmärkten gebildet, an denen täglich ein Vielfaches der tatsächlichen Weltproduktion gehandelt wird.

    Und während die Öffentlichkeit über steigende Benzinpreise diskutiert, gibt es eine kleine Gruppe von globalen Rohstoffhändlern, die von diesen Marktbewegungen enorm profitieren. Ihre Rolle und ihr Einfluss werden in einem sehr lesenswerten Buch beschrieben:

    The World for Sale, (z.B. bei Amazon, 29,90 Euro)

    Dieses Buch erzählt die Geschichte der großen Rohstoffhändler – Firmen wie Vitol, Trafigura oder Glencore – und zeigt, wie diese Unternehmen über Jahrzehnte hinweg enorme Gewinne aus geopolitischen Krisen und Preisschwankungen erzielen konnten. Bei starken Marktverwerfungen verdienen diese Handelsfirmen teilweise Milliarden innerhalb kürzester Zeit.

    Vor diesem Hintergrund lohnt sich ein nüchterner Blick auf die Mechanik der Ölpreisbildung.

    Wie der Ölpreis tatsächlich entsteht. Die globale Ölproduktion.

    Die Welt verbraucht derzeit ungefähr 100 bis 102 Millionen Barrel Öl pro Tag. Ein Barrel entspricht 159 Litern. Öl bleibt damit weiterhin der wichtigste Energieträger der Weltwirtschaft.

    Produziert wird dieses Öl von staatlichen und privaten Konzernen wie Saudi Aramco, ExxonMobil, Chevron, BP und anderen. Doch diese physische Produktion bestimmt den täglichen Marktpreis nur indirekt.

    Die Rolle der Benchmark-Ölsorten

    Der internationale Ölhandel orientiert sich an wenigen Referenzsorten. Die wichtigsten sind:

    Dubai/Oman (Asien)

    Brent (Europa / globaler Referenzpreis)

    WTI – West Texas Intermediate (USA)

    Der wichtigste Preis ist Brent. Über 70 % des weltweiten Ölhandels wird relativ zu diesem Preis festgelegt.

    Interessanterweise basiert dieser Referenzpreis nur auf einer sehr kleinen physisch produzierten Ölmenge aus der Nordsee. Diese sogenannte BFOET-Gruppe (Brent, Forties, Oseberg, Ekofisk, Troll) umfasst weniger als ein Prozent der globalen Ölproduktion. Trotzdem dient sie als Preisanker für den Großteil des weltweiten Handels.

    Der Futuresmarkt – das eigentliche Zentrum der Preisbildung

    Der täglich in den Nachrichten zitierte Ölpreis stammt in der Regel aus dem Terminmarkt. Dort werden sogenannte Futures-Kontrakte gehandelt. Ein Futures-Kontrakt umfasst typischerweise 1.000 Barrel Öl. Der Handel erfolgt vor allem an zwei Börsen, nämlich an der ICE Futures Europe und der CME Group.

    Das tägliche Handelsvolumen dieser Futuresmärkte entspricht häufig mehr als einer Milliarde Barrel Öl pro Tag.

    Zum Vergleich:

    • Weltverbrauch: etwa 100 Millionen Barrel pro Tag
    • Futureshandel: teilweise über 1 bis 2 Milliarden Barrel pro Tag

    Diese Gegenüberstellung sollten wir zweimal lesen: Der Finanzmarkt (Futureshandel) ist 10- bis 20mal umfangreicher als der physische Markt. Am Finanzmarkt werden täglich 10- bis 20mal mehr Lieferkontrakte gehandelt als die gesamte Welt an Öl tatsächlich verbraucht!

    Damit bestätigt sich mein Verdacht, dass wir Verbraucher und Investoren mit dem „Spotpreis“ einem künstlichen Finanzmarktprodukt huldigen, das mit dem tatsächlichen Verbrauch an Öl nur bedingt etwas zu tun hat.

    Der physische Spotmarkt

    Der physische Spotmarkt – also kurzfristige reale Ölverkäufe – spielt dagegen eine deutlich kleinere Rolle. Typische Handelsgrößen sind Tankerladungen von ein bis zwei Millionen Barrel. Große unabhängige Rohstoffhändler dominieren diesen Bereich, darunter, Vitol, Trafigura, Glencore und Gunvor. Diese Unternehmen handeln sowohl physisches Öl als auch Finanzkontrakte und können dadurch Preisunterschiede zwischen verschiedenen Märkten ausnutzen. Sie verdienen damit Milliarden in kürzester Zeit.

    Warum der Ölpreis so stark schwankt

    Kurzfristige Preisschwankungen entstehen häufig nicht durch reale Veränderungen der Fördermengen, sondern durch Erwartungen und Positionierungen im Terminmarkt. Mehrere Faktoren spielen dabei eine Rolle:

    • geopolitische Risiken
    • Erwartungen über das Wirtschaftswachstum
    • Positionen großer Hedgefonds
    • automatische Handelsstrategien (Trendfolgesysteme)

    Schon relativ kleine Veränderungen der Marktstimmung können große Preisbewegungen auslösen.

    Fazit

    Der weltweit beachtete Ölpreis entsteht nicht primär durch den physischen Austausch von Rohöl, sondern durch einen komplexen Finanzmarkt, der ein Vielfaches der realen Produktionsmenge bewegt.

    Ein relativ kleiner Benchmarkmarkt dient dabei als Referenz für einen globalen Handel im Umfang von über hundert Millionen Barrel täglich.

    Die Folge ist ein System, in dem Erwartungen, Finanzströme und geopolitische Ereignisse kurzfristig eine deutlich größere Rolle spielen können als reale Veränderungen der Fördermengen.

    Für Investoren bedeutet dies: Wer die Dynamik des Ölpreises verstehen will, muss nicht nur auf Fördermengen und Tankerbewegungen achten – sondern vor allem auf die Struktur der Finanzmärkte, in denen dieser Preis entsteht. Meine Empfehlung: lassen Sie sich nicht von diesem goldenen Kalb nervös machen. Es ist zu einem großen Teil ein reines Spekulations-Geschöpf.

  • Silber – Strukturelle Knappheit trifft auf Rekordnachfrage

    Silber als Wertanlage erfreut sich bei Anlegern einer zunehmenden Beliebtheit. Es eignet sich zur Diversifizierung in einem Portfolio, da es als Edelmetall als krisensichere Anlagemöglichkeit gilt. Der Preis selbst orientiert sich an Angebot und Nachfrage. Je höher die Nachfrage, desto höher der Preis. Für uns ein Anlass, sich die Angebots- und Nachfrageseite einmal näher unter die Lupe zu nehmen.

    Angebotsdefizit und strukturelle Knappheit

    Der Silbermarkt befindet sich im fünften Jahr in Folge in einem strukturellen Defizit. Bis Ende 2025 wurde ein kumuliertes Defizit von etwa 800 bis 820 Millionen Unzen erwartet – das entspricht fast einer gesamten weltweiten Jahresproduktion. Da Silber als Beiprodukt abgebaut wird, kann das Angebot kaum elastisch auf Preissteigerungen reagieren.

    Wo kommt das Silber her? Produktionsländer und das „Mexiko-Risiko“

    Mexiko bleibt mit ca. 27 % der Weltproduktion (ca. 6.300 Tonnen) der wichtigste Förderer, gefolgt von China und Peru. Im Moment beeinträchtigen kriminelle Organisationen in Mexiko zunehmend die Logistik und Sicherheit. Dies führt zu Produktionsverzögerungen, erhöhten Sicherheitskosten und blockierten Transportwegen, was die Verlässlichkeit des größten Lieferanten untergräbt. Außerdem hängen viele Genehmigungen- trotz hohem Bedarf – für neue Projekte in Mexiko in der Schwebe, was den Ausbau der Kapazitäten bremst. Rund 72% der weltweiten Silberproduktion stammen nicht aus reinen Silberminen, sondern entstehen als Nebenprodukt bei der Förderung von Kupfer, Blei, Zink und Gold. Das bedeutet: Selbst bei stark steigenden Silberpreisen wird die Produktion nicht automatisch ausgeweitet. Entscheidend ist in vielen Fällen die Wirtschaftlichkeit des Hauptmetalls, nicht der Silberpreis allein. Genau das macht das Angebot strukturell unflexibel.

    Kreisdiagramm der wichtigsten Silber-Förderländer 2024 mit Mexiko, China und Peru an der Spitze.
    Infografik zur Herkunft der Silberproduktion 2024 nach Minentyp, wie Blei-Zink- und Kupferminen.

    Hinzu kommen lange Entwicklungszeiten neuer Minenprojekte. Von der ersten Entdeckung über Genehmigungen und Finanzierung bis zur tatsächlichen Produktion vergehen häufig 10 bis 15 Jahre. Selbst bei hohen Preisen lässt sich dieser Prozess nicht kurzfristig beschleunigen. Ein weiterer Faktor ist die sinkende Anzahl hochgradiger, großer Silberstätten. Viele historische Minendistrikte sind bereits stark erschlossen, neue Projekte sind oft kapitalintensiver, technisch komplexer und mit höheren Risiken verbunden.

    Die Anwendungsgebiete und Nachfrageseite

    Insgesamt erreichte im Jahr 2024 die weltweite Silbernachfrage ein beeindruckendes Niveau von 36.000 Tonnen oder knapp 1,2 Mrd. Unzen Silber. Allein die industrielle Nachfrage erreichte 2024 mit 680 Mio. Unzen ein Rekordhoch und diese Nachfrage steigt kontinuierlich weiter.

    Denn! Silber ist für die Energiewende unverzichtbar. Schauen wir kurz auf die verschiedenen Anwendungsgebiete von Silber:

    Photovoltaik: Der Sektor verbraucht enorme Mengen (ca. 30–40 % des Angebots bis 2030 prognostiziert).

    Technologie: Einsatz in 5G-Infrastruktur, Batterien, LED-Chips und der Automobil-Elektronik.

    Luft- und Raumfahrt und KI: Für Wärmeregulierung und elektronische Bauteile.

    Medizin: Bei Nanotechnologien und als Silbersulfadiazin (bei Brandwunden)

    Thema Recycling

    Obwohl das Recycling 2024 ein 12-Jahres-Hoch von ca. 194 Millionen Unzen erreichte, kann es die Lücke zwischen Minenförderung (ca. 850 Mio. Unzen p.a.) und Gesamtnachfrage (ca. 1,2 Mrd. Unzen) bei weitem nicht schließen. Die Rückgewinnung aus Industriewerten bleibt aufgrund geringer Mengen pro Bauteil technisch komplex und sehr teuer.

    Investmentnachfrage und COMEX-Bestände

    Besonders die Investmentnachfrage bleibt trotz Volatilität hoch. Während die Bestände an der COMEX (CME Group) in New York und dem Londoner LBMA-Markt sinken, nehmen Berichte über physische Lieferschwierigkeiten zu. Aktuelle Berichte von Anfang März 2026 deuten auf eine kritische Lage bei der physischen Silberauslieferung an der COMEX hin. Analysten warnen vor einem massiven Ungleichgewicht zwischen den für den März-Kontrakt angemeldeten Lieferansprüchen und den tatsächlich verfügbaren Lagerbeständen. Die verfügbaren Silbervorräte in der Kategorie „Registered“ (sofort auslieferbar) sind auf historische Tiefststände gefallen. Die Bestände in den COMEX-Lagern sind in den letzten fünf Jahren um etwa 75 % geschrumpft. Das Volumen der zur Auslieferung anstehenden März-Futures übersteigt die physisch vorhandene Menge deutlich. Schätzungen von Ende Februar zufolge standen Forderungen von etwa 114,8 Millionen Unzen einem verfügbaren Bestand von nur ca. 87-88 Millionen Unzen gegenüber. Im Gegensatz zu früheren Jahren fordern immer mehr Marktteilnehmer die tatsächliche physische Lieferung, anstatt ihre Kontrakte in den nächsten Monat zu rollen. Große Mengen Silber wurden von der „Registered“-Kategorie (für Handel verfügbar) in die „Eligible“-Kategorie (privates Eigentum, z. B. für ETFs) umgebucht und stehen somit dem Terminmarkt nicht mehr zur Verfügung. Der Markt befindet sich teilweise in einer „Backwardation“-Situation, was bedeutet, dass die Sofortlieferung teurer ist als spätere Liefertermine – ein klares Zeichen für akute Knappheit.

    In Finanzmedien wird intensiv diskutiert, ob die COMEX ihren Lieferverpflichtungen im März vollständig nachkommen kann oder ob Barausgleiche (Cash Settlement) erzwungen werden müssen.

    Fazit

    Trotz Substitutionsmöglichkeiten bei einigen industriellen Anwendungen wächst die Nachfrage auf hohem Niveau weiter, während die Angebotsseite weiter stagniert. Dieses Szenario sollte die Preise weiterhin hochhalten.

    Thomas Boldt

    Direktor

    Gies & Heimburger GmbH

  • Rohstoff- und Energieversorgung: Engpässe rücken in den Fokus

    Die Diskussion um Rohstoffverfügbarkeit und Energieversorgung gewinnt spürbar an Dynamik. Neben steigenden Preisen rücken zunehmend strukturelle Themen wie Versorgungssicherheit, geopolitische Abhängigkeiten und Handelsbeschränkungen in den Vordergrund.

    Gleichzeitig wächst der Strombedarf, insbesondere durch Digitalisierung und Rechenzentren deutlich schneller als vielerorts erwartet.

    Welche Auswirkungen diese Entwicklungen auf Kapitalmärkte und für die strategische Ausrichtung von Investitionen haben, beleuchten wir unter anderem bei unserem Event am 24. April 2026 in der Luisenhöhe. Mit Tobias Tretter begrüßen wir einen ausgewiesenen Rohstoffexperten als Speaker, der aktuelle Trends, Risiken und Chancen fundiert einordnen wird.

  • Wie KI die Weltwirtschaft revolutioniert

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    Weitere Informationen

    Nachfolgend die fünf aufeinander aufbauenden Säulen von KI:

    1. Energie – unvorstellbar gewaltiger Energiebedarf für den KI-Aufbau
    2. Immer leistungsstärkere Chips
    3. Alles bewegt sich in der Cloud – Cloud Infrastruktur ohne Ende
    4. AI – Modells – wie Chat GPT, Gemini, aber auch open Modells wie Deep Seek
    5. Application Layers (für alle Industrien und Branchen – Healthcare, Financial, Industrie, Robotic usw.)

    Der Aufbau der KI-Infrastruktur ist das mit Abstand größte Infrastrukturprojekt der Menschheitsgeschichte!

    • Jensen Huang ist überhaupt nicht skeptisch, was Jobabbau durch KI anbelangt, ganz im Gegenteil! Er bringt eine Reihe von Beispielen.
    • KI ist wirklich einfach anzuwenden und deshalb wächst es auch so unglaublich schnell.
    • Es ist essentiell AI-Anwendung und damit zu arbeiten zu lernen und es ist, wie gesagt, sehr einfach.
    • AI ist eine riesige Chance für die EM Länder und Europa
    • Wir sind weit von einer AI Bubble entfernt
    • Investoren / Sparer usw. MÜSSEN in AI investieren