China nach der US-Wahl

Geposted von Walter Feil am

Heute nacht verfolgen Millionen die Entwicklung der angeblich wichtigsten Wahl in der Geschichte der USA. Wer gewinnt? Der Demokrat Barrack Obama? Oder der Republikaner Mitt Romney? Oder wiederholt sich das Fiasko der 43. Präsidentenwahl am 7. November 2000, als wochenlang offenblieb, ob der nächste Präsident nun Bush oder Gore heißen würde?

Die Aufmerksamkeit sollte sich nach China richten

Vor dem Rummel um die US-Wahl haben wir fast vergessen, dass in wenigen Tagen bereits die Weichen in einem weiteren bedeutenden Machtzentrum neu gestellt werden: Am 8. November beginnt der Parteikongress in China, auf dem – wie turnusmäßig alle 10 Jahre – die Zusammensetzung des Politbüros für die nächsten 10 Jahre festgelegt wird. Gemäß der bisher geübten Praxis wird die neue Führung des 1,3- Milliarden-Volkes unmittelbar nach dem Parteikongress zum ersten Mal auf die Bühne treten. Dies wird somit für den 15. November erwartet.

Die Zusammensetzung des neuen Politbüros ist ein bedeutender Faktor, der die Entwicklung des asiatischen Riesenreiches, das nach den USA bereits die zweitgrößte Wirtschaftsmacht der Welt darstellt, entscheidend beeinflusst. Welche Strömung wird die Richtung angeben? Die konservativen Bewahrer oder die fortschrittlichen Reformer? Die Richtung der chinesischen Politik wird auch Wirtschaftsentwicklung in Europa und den USA und damit unsere Lebensqualtität hier im Land maßgeblich beeinflussen, auf mittlere Sicht vermutlich deutlich mehr als die Frage, ob die USA von Obama oder Romney geführt werden.

Im Gegensatz zu den USA hat China deutlich mehr Handlungsspielraum

Während die Diskussion in den USA, in Europa und auch in Japan täglich von dem drohenden Kollaps durch Überschuldung beherrscht wird, sind die Staatsschulden Chinas mit einer Schuldenquote von nur 22,16 % vom BIP deutlich geringer. Wenn man die Schulden der Provinzregierungen dazurechnet (dann in den USA auch die Schulden der einzelnen Staaten und in Deutschland die Schulden der Bundesländer), ist der Unterschied zwischen den etablierten Industriestaaten und dem weiter aufstrebenden China noch deutlicher.

 

Staatsschulden in China geringer als in Industriestaaten

Im Vergleich zu den etablierten Industriestaaten ist die Staatsschuldenquote in China deutlich geringer. Das eröffnet großen Handlungsspielraum, Maßnahmen gemäß dem Beschluss des Politbüros auch konsequent und wirksam umzusetzen.

3,3 Billionen Devisenreserven versetzen China in die Lage, jede beliebige Aktion aus dem Stand heraus zu finanzieren. Damit kann China,  wann immer die Politführung dies als sinnvoll erachtet, kräftige Wachstumsimpulse in Gang setzen, z.B. durch die Finanzierung von Infrastrukturmaßnahmen, durch zinsgünstige Darlehen an Unternehmen, durch massive Förderung von Forschung und Entwicklung und hundert andere Maßnahmen, die den wirtschaftlichen Fortschritt fördern.

Das Politbüro ist wie der Vorstand eines mächtigen Unternehmens organisiert

Immer mehr demokratisch organisierte Staaten leiden unter der dunklen Seite einer freiheitlichen Demokratie. Besonders deutlich wird dies am tagesaktuellen Beispiel der USA: Zwei gleichstarke Parteien stehen sich gegenüber. Jede Partei will die Macht ergreifen. Alleine für den Wahlkampf wurden angeblich 3 Milliarden USD ausgegeben. (Damit hätte man 1 Million Menschen ohne Arbeit und Obdach ein Jahr lang ernähren können, wenn man unterstellt, dass man mit 250 USD pro Kopf und Monat einen Menschen in Gemeinschaftsküchen versorgen kann.)

Die nicht demokratisch organisierte Politik in China erinnert eher an die straffe Organisation eines mächtigen Unternehmens. Das Politbüro mit bisher neun Mitgliedern (davon ein Premierminister) erscheint mir wie ein Vorstand mit seinem Vorstandsvorsitzenden. In der Außenwirkung werden die Ziele jeweils mit griffigen Fünf-Jahres-Plänen kommuniziert und die einzelnen Maßnahmen sodann an diesen Zielen ausgerichtet. Da gibt es keine zwei Lager, die sich gegenseitig bis zur Handlungsunfähigkeit blockieren.

China will bis 2030 weitere 250 Millionen Menschen in neue Städte bringen

Etwa die Hälfte der 1,3 Milliarden Chinesen leben noch auf dem Land. Bis zum Jahr 2030 sollen weitere 250 Millionen in Städten wohnen. Das erfordert riesige Investitionen in Häuser, Straßen und andere Infrastruktur, Schulen, Krankenhäuser, Verwaltungseinheiten, Energieversorgung, … jedes Jahr für fast 15 Millionen Menschen. Das schafft auch Millionen neue Arbeitsplätze. China braucht auch jährlich etwa 25 Millionen neue Arbeitsplätze, um das Ziel, Schritt für Schritt alle Chinesen am Wohlstand des weiter aufstrebenden Landes teilhaben zu lassen, ohne sozialen Unfrieden zu erreichen.

China ist bereits mitten in der Umstellungsphase von Export zu Binnenkonsum

Der im Oktober 2011 beschlossene zwölfte Fünfjahresplan verfolgt klar das Ziel, den Binnenkonsum zu stärken. “Urbanisierung statt Industriealisierung” ist das Motto, und dies wird starke Auswirkungen auch auf unser Leben haben. Einige Stichworte hierzu sind:

  • Die Löhne in China stiegen die letzten Jahre um durchschnittlich etwa 10 % (siehe Grafik unten)
  • Die Zeit der billigen Exporte aus China neigt sich dem Ende zu. Dies wird unsere Einkäufe verteuern, soweit die früher noch sehr günstige Produktion nicht in die neuen Billiglohnländer wie zum Beispiel Vietnam und Bangladesh verlagert werden kann. Die Folge für uns: Die inflationsdämpfenden Billigeinkäufe aus China gehören der Vergangenheit an.
  • Die Herstellungskosten in China steigen. Die Folge vor allem für die USA: Zahlreiche Produktionsstätten werden bereits wieder in die USA zurückverlagert.
  • Der Konsum in China steigt. Die Folge für uns: Die Märkte auch für unsere Produkte, zum Beispiel Autos der Premiumklasse, öffnen sich noch weiter. Die Arbeitnehmer von Audi, Volkswagen, BMW und Mercedes profitieren davon.

So könnte man die Veränderungen der wirtschaftlichen Landkarte noch einige Seiten lang fortsetzen.

Schaubild: Die Löhne in China steigen schon seit Jahren mit durchschnittlich 10 %

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Die Zentralregierung in China hat die letzten Jahre jedes Jahr den Mindestlohn angehoben. Dies führte zu einer (gewollten) Erhöhung der Lohneinkünfte und damit zu einer schrittweisen Verbesserung der Lebenssituation von Millionen Arbeitern.

China strebt eine multipolare Weltordnung an

Auf dem China-Finanzmarktforum am 27.9. in Köln brachten die Gastredner aus China überraschend klar zum Ausdruck, welche Politik China verfolgt:

  1. Die Weltordnungen sollen “auf Augenhöhe” gleichberechtigt nebeneinander stehen.
  2. Die Währungen (USD, Euro und Renminbi) sollen gleichberechtigt nebeneinander stehen.

Aus Sicht von China müssen die Krisen sowohl in den USA als auch in Europa (beide Regionen sind überschuldet) gelöst werden. Nur so kann eine multipolare Weltordnung entstehen, in der die drei Regionen gleichberechtigt miteinander Wirtschaft betreiben. China ist daran interessiert, den Wert seiner Devisenreserven, von denen ein großer Teil in USD und mittlerweile auch schon eine beträchtliche Summe in EUR angelegt ist, zu erhalten. Aber China wird (siehe oben: Wandlung vom Export- zum Konsumland) nicht Jahr für Jahr der größte Finanzierer des Außenhandelsdefizites der USA sein. Wenn die Exporte in die USA abnehmen, stehen weniger USD zum Kauf von USD-Staatsanleihen zur Verfügung. Die USA müssen sich entweder einen anderen Finanzierungspartner suchen (wer könnte das sein?) oder ihr Außenhandelsdefizit verringern.

China ist geduldig – und beharrlich

Einer der größten Unterschiede zwischen der Politik der USA und Chinas ist die Zeitschiene, in der die beiden Kulturen denken, leben und handeln.

  • In den USA repräsentiert sich der Erfolg in “Quartalsergebnissen”: Alle drei Monate ist “Berichtssaison”. Erfüllt ein Unternehmen die Erwartungen nicht, sinkt der Aktienkurs und der Bonus der Manager. Diese extrem kurzatmige Denkweise führt zu kurzfristig gepuschten Ergebnissen. Das Unterlassen von dringend notwendigen (aber kostenintensiven und damit Gewinn-reduzierenden) Sanierungsarbeiten in den Energienetzen rächt bei jedem stärkeren Wind erneut.
  • In China sind die Menschen von der Lehre des Konfuzius geprägt. Hier rangiert der Gebildete, nicht der Krieger, ganz oben. Der höchste Wert ist die Harmonie. Dies äußert sich auch darin, dass in China etwaige Konflikte am liebsten durch wechselseitige Arrangements gelöst werden. In der Realwirtschaft und in der Politik, die die Wirtschaft in China massiv steuert, bedeutet die auf langfristige, harmonische Entwicklungen gerichtete Denkweise, dass nicht gemäß kurzfristigen Quartalszielen, sondern in deutlich längeren Zeitabschnitten geplant und dementsprechend auch gehandelt wird.

Wir müssen uns auf eine weiter steigende Wirtschaftsmacht von China einstellen

Unterschätzen wir die Beharrlichkeit und die Zielstrebigkeit der chinesischen Politik nicht! Heute beherrschen die US-Wahlen die Berichterstattung. Nächste Woche wird sich der Blick wieder nach Asien richten. Am 15.11. betritt die neue politische Elite, die China sodann bis zum Jahr 2022 führen wird, die Bühne. Die bisher bekanntgewordenen Informationen lassen erwarten, dass es eine reformfreudige Führung sein wird, die China mit beschleunigtem Tempo in ein Zeitalter des Binnenkonsums, einer erstarkenden Währung als dritte wesentliche Kraft neben dem USD und dem Euro und einem wachsenden Einfluss auf der internationalen Bühne führen wird.

 

 

Walter Feil ist Leiter der Niederlassung Bühl der Gies & Heimburger GmbH und Leiter des Investment-Research.