Editorial der Freitags-Info vom 05.04.2019

Geposted von Thomas Boldt am

Weniger Öl als gedacht

Jetzt veröffentlichte Saudi-Arabien erstmals wie profitabel der staatliche Öl-Gigant Saudi Aramco wirklich ist. Dabei verriet das Königreich aber auch, dass das wichtigste Ölfeld des Landes deutlich weniger fördert als gedacht. Wenn schon das US-Militär im Geheimen einst erörterte, wie man sich die Reserven notfalls mit Gewalt aneignet, muss es sich schon um ein enorm wichtiges Ölfeld handeln. Doch die jüngsten Zahlen von Saudi Aramco haben den Mythos Ghawar entzaubert. Denn das größte Ölfeld produziert weit weniger als gedacht, wie die Nachrichtenagentur Bloomberg nun berichtete.

Statt der zumeist am Markt geschätzten fünf Millionen Barrel am Tag kommt das Ölfeld nur auf 3,8 Millionen Barrel, rund 604 Millionen Liter Öl, wie Bloomberg unter Berufung auf ein Prospekt Saudi Aramcos schrieb. Für einen bevorstehenden Bondsverkauf veröffentlichte der Konzern erstmals seit der Verstaatlichung vor fast vier Jahrzehnten konkrete Zahlen.

Saudi Aramco protzte mit höheren Förderzahlen

Zwar beeindruckte Saudi Aramco auch mit massiven Gewinnzahlen – so blieb im vergangenen Jahr unterm Strich ein Überschuss 111 Mrd. USD-, doch bei den Profis waren die Förderzahlen das wahre Highlight des Berichts. Saudi Aramco selbst hatte früher mit höheren Förderkapazitäten geprotzt. 2004 beispielsweise versuchte Saudi Aramco, die Theorie des “Peak Oils” mit Förderdaten zu widerlegen und behauptete, Ghawar fördere seit mehr als zehn Jahren täglich mehr als fünf Millionen Barrel Öl. Die US-Energiebehörde EIA wiederum schätzte Ghawars Förderquote im Jahr 2017 noch auf 5,8 Millionen Barrel pro Tag, wie Bloomberg anmerkte.

Die neuen Förderdaten zeigen, dass Ghawar zumindest derzeit nicht mehr auf frühere Quoten kommt und damit wohl auch den Ruf des größten Ölfelds der Welt los ist. Das US-Schieferölfeld Permian förderte im vergangenen Monat nämlich 4,1 Millionen Barrel pro Tag.

Insgesamt aber bleibt Saudi Aramco mit weitem Abstand weltgrößter Ölförderer und hat eigenen Angaben zufolge alleine Zugriff auf Reserven, die fünfmal größer sind als alle erwiesenen Reserven der fünf nächstgrößten Förderer zusammengenommen.

Neben Ghawar betreibt der Konzern noch zwei weitere Mega-Ölfelder, Khurais und Safaniyah, mit Förderraten von 1,45 Millionen respektive 1,3 Millionen Barrel pro Tag. In der Summe kommt Saudi Aramco mit seinen 101 Feldern auf einen täglichen Ausstoß von 10,3 Millionen Barrel Rohöl, mit einer maximalen Kapazität von zwölf Millionen Die Zahlen zu Ghawar dürften zwar einige Investoren enttäuschen, die gesamten Produktionsraten bestätigen laut Bloomberg jedoch allgemeine Schätzungen. Um seinen Ruf unter Investoren dürfte sich die Firma aber derzeit ohnehin weniger Gedanken machen, denn der geplante Riesen-Börsengang Saudi Aramcos ist verschoben. Auch müsste sich Riad überlegen, wie die saudische Wirtschaft aus der Abhängigkeit vom Erdöl geführt werden kann. Das ist bisher nicht geschehen.

Thomas Boldt
und das gesamte Team der Gies & Heimburger GmbH wünscht Ihnen ein schönes Wochenende.

Direktor Privatkunden Gies & Heimburger GmbH