Editorial der Freitags-Info vom 19.04.2019

Geposted von Thomas Boldt am

Gefährlicher Anleihemarkt

Fast die Hälfte aller Unternehmensanleihen stehen kurz vor dem Ramschstatus. Steigen die Zinsen, könnte das zu einer Welle von Abstufungen führen – mit gravierenden Folgen für die Märkte.

Was den Sparer zum Verzweifeln bringt, freut umso mehr den Schuldner: Seit mehr als zehn Jahren herrschen in den USA, vor allem aber in Europa, niedrige Zinsen. Während Anleger mit einem Sparbuch Zinssätze nahe Null erhalten, können Unternehmen am Kapitalmarkt günstiges Kapital aufnehmen. Dies führt dazu, dass sich auch wirtschaftlich schwächere Unternehmen trotz eines geringen Produktivitätsniveaus am Kapitalmarkt refinanzieren können – dies wäre in einem normalen Zinsumfeld deutlich schwieriger. Was passiert aber, wenn sich das aktuell herrschende Gleichgewicht aus niedrigen Zinsen und nicht zu stark abflauender Konjunktur auflöst und welche Auswirkungen hätte dieses Szenario für den Anleihemarkt?

Grundsätzlich rechnen wir kurzfristig nicht mit Gefahren. Die Weltwirtschaft dürfte 2019 moderat wachsen und die großen Notenbanken haben sich von ihren geplanten geldpolitischen Straffungskursen abgewendet – mit Leitzinserhöhungen der EZB und mit großer Wahrscheinlichkeit auch der US-Notenbank Fed ist für 2019 nicht zu rechnen.
Dennoch, mittel- bis langfristig sehen wir zwei Szenarien, die die Anleihemärkte gefährden könnten:
• Einerseits besteht die Möglichkeit, dass sich Wirtschaftsdaten insgesamt verbessern und die Inflationsraten ansteigen. Das hätte zur Folge, dass Zinsen und damit auch die Finanzierungskosten der Unternehmen steigen.
• Andererseits könnte sich die Konjunktur verschlechtern, worunter die Gewinne der Unternehmen leiden würden. Besonders gefährdet sind zwei Unternehmenstypen: sogenannte Zombieunternehmen und Unternehmen, deren Rating nicht im Bereich der guten Bonität liegt.

Die Folgen steigender Zinsen
Bei Zombieunternehmen handelt es sich um Firmen, welche sich in der Regel am unteren Band des High-Yield-Ratings (HY, niedrige Bonität) befinden, hochverschuldet sind und aufgrund ihres wenig profitablen Geschäfts Schwierigkeiten mit der Rückzahlung bestehender Verpflichtungen haben. Ihren Zahlungsverpflichtungen kommen sie nach, indem neue Schulden aufgenommen werden, um bestehende zu begleichen – eine Praxis, welche in Zeiten niedriger Zinsen aufgehen kann. Allerdings würden sowohl steigende Zinsen als auch eine stärker abflauende Konjunktur dazu führen, dass solche Unternehmen in Finanzierungsnot geraten können. Die Folgen wären Insolvenzen und steigende Ausfallraten. Sind solche Unternehmen in Lieferketten eingebunden, könnten Ausfälle zudem auch „gesunden“ Unternehmen schaden.
Unternehmen, die hingegen am unteren Ende des Investmentgrade-Ratings (IG, hohe Bonität) oder im oberen Bereich des HY-Ratings liegen, können ihren Schuldverpflichtungen im Vergleich zu Zombieunternehmen zwar eher nachkommen, profitieren allerdings auch von aktuell günstigen Finanzierungsmöglichkeiten und geringen Zinskosten. Hier besteht das Risiko vor allem für Unternehmen mit vergleichsweise geringer Produktivität. Ihre aktuell niedrigen Zinslasten können sie zwar selbst mit schwächeren Erträgen aufwiegen. Steigende Zinskosten auf der einen oder sinkende Umsätze auf der anderen Seite dürften allerdings schnell in fallenden Bewertungen – und damit noch schwierigeren Refinanzierungsmöglichkeiten resultieren.
Derzeit sind rund 50% aller IG-Anleihen mit einem „BBB“-Rating versehen und damit ein Schritt vor dem HY-Niveau. Sollten die Ratings einiger dieser Unternehmen aufgrund geänderter wirtschaftlicher Rahmenbedingungen heruntergestuft werden, könnte dies zu starken Verwerfungen an den Anleihemärkten führen – mittel- bis langfristig ein erhebliches Risiko für die Kapitalmärkte!

Thomas Boldt

und das Team von Gies & Heimburger wünscht Ihnen frohe Osterfeiertage mit viel Sonnenschein!

Direktor Privatkunden Gies & Heimburger GmbH