Editorial der Freitags-Info vom 25.01.2019

Geposted von Thomas Boldt am

Bundeskanzlerin auf dem Weltwirtschaftsgipfel 2019 in Davos

Im Meeting-Geschäft ist das „World Economic Forum“ (WEF) mit rund 2’500 international beachteten Größen aus Wirtschaft, Politik, Wissenschaft und Gesellschaft das Aus-hängeschild von Davos. Auf dem Forum werden viele Lösungsansätze zu den Themen globale Wirtschafts- und Sozialpolitik sowie gemeinsame Gesundheits- und Umweltpolitik diskutiert. Der „Spirit of Davos“ soll in die ganze Welt getragen werden. Das darf bezweifelt werden.
Angela Merkel hat auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos im Wesentlichen das gesagt, was sie schon in den vergangenen Jahren immer wieder betont hat: Sie kritisierte den wach-senden Nationalismus und Populismus in der Welt. Indirekt an US-Präsident Donald Trump gerichtet, sagte die Kanzlerin: Es gebe Stimmen, die behaupten, der Welt gehe es besser, wenn jeder an sich denke. „Ich habe Zweifel daran.“ So Merkel.  Für sie ist Protektionismus keine Lösung für die drängenden globalen Probleme. Sie bekannte sich zum Multi-lateralismus. „Aber das erfordert Mut.“

Alles weder neu noch überraschend, aber vielleicht ist diese Wortschleife in der Merkel eigenen unprätentiösen Art in diesen geopolitisch schwierigen Zeiten wichtig. Denn das, was die Bundeskanzlerin kritisiert, hat mit dazu beigetragen, dass einige hochrangige Staatschefs ihre Teilnahme am WEF kurzfristig abgesagt haben. Die britische Premierministerin Theresa May muss sich um das Brexit-Chaos kümmern, Frankreichs Staatspräsident Emmanuel Macron kann nicht in die Schweizer Berge reisen, wenn auf den französischen Straßen die Gelbwesten protestieren, und US-Präsident Donald Trump will endlich seine Mauer bauen und den Shutdown beenden.

Dazu passend hat das Weltwirtschaftsforum vor wenigen Tagen seinen aktuellen Risikobericht vorgelegt. WEF-Präsident Borge Brende nennt darin mehrere Herausforderungen für die kommenden Jahre: die zunehmende Ungleichheit, die gesellschaftliche Polarisierung, geopolitische Krisen und den Klimawandel. Der Bericht kommt zu einem sorgenvollen Schluss: „Die globalen Risiken nehmen zu, aber der kollektive Wille, sie zu bekämpfen, schwächt sich ab.“

Ist Merkel noch stark genug?
Neu sind diese Erkenntnisse nicht, darüber wurde bereits 2018 und 2017 in Davos debattiert. Aber nichts ist seitdem besser geworden, im Gegenteil – das belegen die Absagen. „Die gesellschaftliche und politische Polarisierung ist immens“, sagt der Wirtschafts-nobelpreisträger Robert Shiller. Auf die Frage, was genau man dagegen tun kann, zuckt er mit den Schultern: „Ich habe auch keine kurzfristige, einfache Lösung.“

Wenn man in einem der Shuttletaxis sitzt, die die Teilnehmer in ihre Hotels bringen, wird die Anspannung über den Zustand der Welt augenscheinlich. Kompromisse zu finden werde immer schwieriger, sagt beispielsweise ein Vertreter aus Kanada und erzählt von der Einflussnahme Russlands auf sein Land. Aber er spricht auch über seine Hoffnung: Angela Merkel. Ob sie noch stark genug sei, um Europa zu einen und dem Nationalismus zu begegnen, will er wissen. An Emmanuel Macron glaubt der Kanadier, wie viele andere, nicht mehr.

Die Bundeskanzlerin genießt auf internationaler Bühne immer noch ein hohes Ansehen, obwohl sie ihr baldiges Karriereende bereits verkündet hat. Das hat ihre Rede in Davos einmal mehr belegt. Kompromisse würden heute häufig schlechtgemacht, sagte Merkel. Sie vertrete aber sehr dezidiert die Ansicht, dass die globale Architektur nur funktionieren könne, wenn man zu Kompromissen fähig sei. Auf dem Weltwirtschaftsforum wird man sie wahrscheinlich als Stimme der Vernunft vermissen, denn eine schnelle Lösung der wachsenden globalen Probleme ist nicht in Sicht.

Wir wünschen Ihnen ein erholsames und schönes Wochenende

Thomas Boldt und das gesamte Team der Gies & Heimburger GmbH

Direktor Privatkunden Gies & Heimburger GmbH