Editorial der Freitags-Info vom 25.10.2019

Geposted von Thomas Boldt am

Kapitän Draghi verlässt die Brücke…
Nach acht Jahren Amtszeit endet am Monatsende Mario Draghi’s Amtszeit als mächtigster
Währungshüter in Europa. Er hat die „MS EZB“ durch so manch heftigen Sturm gesteuert.
Man denke nur an das Jahr 2012, als er mit seinem wohl berühmtesten Satz: „What ever it
takes“ die Krise des Euros beendete. Nach dem in Griechenland die Staatskrise ihren
Höhepunkt erreicht hat und auch aus Italien bedrohliche Nachrichten kamen, war die Sorge
groß, dass die Währungsunion womöglich zerfällt. Doch mit diesen drei Worten schaffte es
Draghi schlagartig, die Märkte zu beruhigen. Da zeigte sich, über welche Glaubwürdigkeit die
EZB in der Finanzwelt verfügt – die Aussage Draghi’s reichte aus, auch ohne konkrete und
unmittelbare Maßnahmen wie etwa eine sofortige Zinsänderung, den Euro wieder in ruhiges
Fahrwasser zu steuern.
Verbunden mit seinem Namen bleibt aber auch die Tatsache, dass er eine neue Ära mit
Minuszinsen auf Spareinlagen eingeläutet hat. Im September 2019, also kurz vor seinem
Ausscheiden, hat er den Einlagensatz, den die Zentralbank den Geschäftsbanken für deren
Zentralbankguthaben berechnet auf minus 0,5% gesenkt. Dies ändert sich erst, wenn sich
die von der EZB prognostizierte Inflation nachhaltig der Zwei Prozent Marke nähert und das
kann noch Jahre dauern. Diesem Ziel ist die EZB in Draghi’s Amtszeit nie wirklich nahe
gekommen, aktuell liegt die Inflation bei 0,8%.

… und Christine Lagarde betritt sie
Mit Christine Lagarde steht erstmals kein Ökonom an der Spitze der EZB, sondern eine
Juristin und Politikerin. Ob sie in ihrer Amtszeit dem Inflationsziel näher kommt als Draghi, ist
kaum zu prognostizieren. Einen Spielraum für Zinserhöhungen ergibt sich somit nicht und so
glauben die Finanzmärkte auch nicht, dass in absehbarer Zeit die Zinsen wieder steigen
könnten. Dies kann aber zu einem Pulverfass werden. Schon jetzt steigen Immobilen Preise
und Mieten sprunghaft und politische Maßnahmen, diese Situation zu ändern, greifen (noch)
nicht. Pensions- und Renten Kassen reduzieren drastisch ihre Zusagen und Stiftungen
können vielfach keine Gelder für den Stiftungszweck auszahlen. Auf privater Ebene findet
faktisch eine Enteignung statt, denn durch einen nicht mehr vorhandenen Realzins
(Anlagezins minus Inflation) wird Vermögen vernichtet.
Es bleibt zu hoffen, dass Frau Lagarde einen EZB Kurs steuert, der die aktuelle Situation
zumindest nicht verschärft.

Andreas Rosner und das gesamte Team von Gies & Heimburger wünscht Ihnen ein
angenehmes Wochenende und denken Sie daran, dass die Uhren an diesem Wochenende
wieder zurückgestellt werden.

Direktor Privatkunden Gies & Heimburger GmbH