Editorial der Freitags-Info vom 30.08.2019

Geposted von Thomas Boldt am

100-jährige Staatsschulden

 Österreich hat mit der Ausgabe eines 100-jährigen Schuldtitels einen Weg gefunden, den Staat teilweise praktisch zinsfrei über Generationen hinweg zu finanzieren. Das weckt Begehrlichkeiten in vielen anderen Ländern. Bald auch in Deutschland?

99 Jahre, das gilt als die magische Marke, ab der der Volksmund von ewigem Besitz redet. Wer etwas über 99 Jahre pachtet, dem gehört es gefühlt ein Leben lang. Dieses Gefühl der Unendlichkeit wollen sich nun auch die Staaten beim Schuldenmachen zunutze machen.

Sie planen die Ausgabe von Anleihen mit 100 Jahren Laufzeit, also Schuldtitel, bei denen der Käufer der Papiere deren Rückzahlung nicht mehr selbst erleben wird. Und das Beste an diesem Schuldentrick ist – die historisch niedrigen Zinsen werden für ein Jahrhundert festgeschrieben.

Dem Beispiel von Österreich und Belgien wollen nun auch Schweden und die USA folgen. Sie ziehen  ernsthaft in Erwägung diese Anleihen zu platzieren. Der Zeitpunkt erscheint günstig, die Kaufbereitschaft der Anleger für solche Langläufer ist riesig. Es sind die rekordtiefen Zinsen, die vor allem institutionelle Investoren zur Verzweiflung bringen und in immer längere Laufzeiten treiben.

Anleihen in einem Volumen von fast 17 Billionen EUR weisen Negativzinsen auf, das sind bereits 25% aller weltweit erhältlichen Schuldtitel. Pensionskassen und Versicherungen haben sich aber gegenüber ihren Kunden zu einer Mindestverzinsung verpflichtet, die sie mit immer weniger Staatsbonds erzielen können. In Deutschland etwa sind die Renditen sämtlicher Staatsanleihen negativ. So wäre eine 100-jährige Bundesanleihe die einzige Chance für Investoren deutscher Schuldtitel eine noch positive Rendite zu erzielen. Mit ultralangen Papieren ließen sich langfristige Investitionen in den Klimaschutz oder die Bildung finanzieren. Solche Investments zahlen sich in der Regel erst in einigen Jahrzehnten aus und müssten auch dann erst von den Profiteuren der Maßnahmen zurückgezahlt werden.
Doch der Bund will vorerst nicht in den Klub der 100-jährigen beitreten. Die langfristigen Finanzierungsbedürfnisse werden über das 30-jährige Segment gedeckt, hieß es in einer Stellungnahme aus Berlin.

Österreich hat mit seiner Methusalem-Anleihe, die erst 2117 fällig wird, Maßstäbe gesetzt. Wegen der großen Nachfrage seitens der Investoren wurde der Schuldtitel in diesem Sommer um 1,25 Mrd. EUR aufgestockt. Den Investoren musste nur noch 1,17% Rendite geboten werden. Die Zeichner der ersten Stunde können sich bereits über einen Kursgewinn von mehr als 100% freuen. Die Zeichner der zweiten Tranche liegen bereits mit 35% im Plus. Da stört es auch nicht, dass in Österreich nach dem Ibiza-Skandal Neuwahlen anstehen. Und die Investoren scheinen sich auch nicht an der zweifelhaften Schuldengeschichte zu stören. In den vergangenen 100 Jahren war das Land gleich mehrfach pleite.

Inzwischen handelt die 100-jährige bei fast 210% ihres Nennwertes. Denn je länger die Laufzeit, desto sensibler reagieren die Kurse auf Änderungen im allgemeinen Zinsumfeld.

Auch Änderungen der Bonität wirken sich bei Langläufern überdurchschnittlich aus, wie Argentinien zeigt. Hier notiert die 100-jährige Anleihe nur noch bei 42% ihres Nennwertes. Viele Investoren wetten auf einen weiteren Bankrott des Landes. Und dann verlieren auch die 100-jährigen Schulden den Nimbus von Ewigkeit.

Thomas Boldt und das Team von Gies & Heimburger wünscht Ihnen ein schönes Wochenende.

Direktor Privatkunden Gies & Heimburger GmbH