Risiken für die Anlagemärkte per März 2012

Geposted von Walter Feil am

An fast allen Börsen sind die Aktienkurse seit Wochen gestiegen. Es scheint, als betrachten die Anleger sämtliche Probleme, die die Entwicklung der Aktien- und Kapitalmärkte seit vielen Monaten behindert haben, als gelöst. Das sehe ich nicht so: bei den meisten Baustellen wurden nur die akuten Krisen eingedämt. Gleichzeitig sind neue Problemfelder entstanden.

Griechenland ist offiziell zahlungsunfähig

Die privaten Gläubiger haben Griechenland – nicht so freiwillig, wie das Wording suggeriert – über 100 Milliarden Euro Schulden erlassen. Dieser “freiwillige” Verzicht auf die Rückzahlung von Forderungen reichte jedoch noch nicht, um das aktuelle Sanierungsziel zu erreichen. Die griechische Regierung bestand deswegen darauf, auch die Anleger, die nicht “freiwillig” auf die Rückzahlung ihrer Forderungen verzichtet haben, zu einem Forderungsverzicht zu zwingen und setzte die CAC (Collective Action Clause) in Kraft. Das ist eine klare Enteignung der Gläubiger. Einige Banken, die ihre Forderungen durch Kreditausfallversicherungen abgesichert hatten, profitieren davon. Mit dem Griff in die Enteignungs-Schublade stellten die Rating-Agenturen offiziell ein “Kreditereignis”, also den Zahlungsausfall, fest. Damit werden diese Ausfallversicherungen fällig. Die Anwendung der CAC führt jedoch dazu, dass der griechische Staat - trotz des krampfhaften Versuchs, den Forderungsverzicht als “freiwillig” zu bezeichnen – auf dem gesamten Kapitalmarkt als zahlungsunfähig gebrandmarkt ist.

Welcher private oder institutionelle Anleger wird künftig neue griechische Anleihen kaufen? Griechenland hängt weiterhin am Tropf der Geber-Staaten, und jeder neue Kapitalbedarf wird zunehmend Diskussionen auslösen. Per Saldo wurde durch diese Entschuldungs-Aktion nur etwas Zeit gekauft.  Griechenland ist nicht “gerettet”, und die nächsten Krisen kündigen sich schon sehr laut an.

Griechenland steht vor Neuwahlen

Ende April oder Anfang Mai wird es in Griechenland Neuwahlen geben. Niemand kann voraussagen, ob das von der derzeitigen Regierung zugesagte Spar- und Stabilisierungsprogramm den Wahltermin überlebt. Die Parteien der Linken sowie rechtextremistische und ultrakonservative Parteien sind dagegen – und erhalten sehr viel Zulauf. Sobald sich andeutet, dass die mühevoll verhandelten Vereinbarungen, die mittelfristig zu einer Sanierung des griechischen Haushaltes führen sollen, keinen Bestand haben könnten, wird die Krisendiskussion wieder blitzartig die Schlagzeilen beherrschen.

In Frankreich droht ein Richtungswechsel

Die Beruhigung der Finanzmärkte ist zu einem wesentlichen Teil auf die Ergebnisse der Gespräche zwischen Angela Merkel und Nicolas Sarkozy zurückzuführen. Der wirtschaftlich stärkste Staat Europas und Frankreich haben gemeinsam die Weichen gestellt, wie die Staatsschuldenkrise eingedämmt werden kann. Die gute Verständigung zwischen Merkel und Sarkozy spielten dabei eine tragende Rolle. Dies kann sich schlagartig ändern, wenn in Frankreich die politische Richtung wechselt. “Die Welt” vom 21.3. schreibt unter der Schlagzeile “Die große Angst der Investoren vor Hollande“: “Viel wichtiger für Investoren und Sparer ist sein Plan, den europäischen Sparpakt, der erst vor wenigen Wochen unter Mühen verabschiedet wurde, nach seiner Wahl wieder aufzuschnüren.”

Am 22.4. ist Wahltermin. Eine mögliche Stichwahl erfolgt am 6. Mai. Eine neue Krisen-Diskussion wird schon vorher beginnen, sobald die Wahlprognosen einen Sieg von Hollande als wahrscheinlich darstellen.

Trügerische Ruhe um Portugal

Die Zusagen, Portugal finanzielll zu unterstützen, reichen bis  zum Jahr 2013. Damit ist um diesen Krisenherd zunächst einmal Ruhe eingekehrt. Wesentlicher Bestandteil der Unterstützung sind dabei auch die Leistungen des IWF (International Monetary Fund = Internationaler Währungsfonds). Das Entscheidungsgremium des IWF verlangt jedoch stets eine Vorausschau von 12 Monaten, bevor die Leistungen des Fonds freigegeben werden. Dies bedeutet, dass bereits in 2012 feststehen muss, wie der portugisische Staatshaushalt auch nach Auslaufen des bisher zugesagten Hilfspaketes finanziert werden kann. Die Diskussion um die prekäre Situation Portugals wird also bald wieder beginnen.

ESM-Ratifizierungsprozess noch nicht beendet - Fiskalpaket noch in Diskussion

Der ESM (Europäischer Stabilitätsmechanismus, häufig einfach als “Euro-Rettungsschirm” bezeichnet) soll dazu dienen, künftige Staatspleiten innerhalb der Euro-Zone zu verhindern. Der Ratifizierungsprozess ist angelaufen. In Zusammenhang mit dem ESM wird die Diskussion um das Fiskalpaket zunehmend kontroverser. Wie zu erwarten war, folgt nach dem grundsätzlichen Versprechen, das sich die europäischen Staatshäupter gegenseitig gegeben haben, die Diskussion “vor Ort” über die Details. In einer vielschichtigen Gesellschaft mit ebenso vielschichtigen Interessen und Befindlichkeiten ist die Umsetzung in der Etappe nicht so einfach. Das Handelsblatt vom 13.3. weist auf die heftigen Diskussionen in den Niederlanden hin. Sollte an dieser Großbaustelle eine Trendwende eintreten, wären wir wieder mitten drin in der Grundsatzdiskussion, ob der Euro noch zu retten ist. Die Kapitalmärkte würden blitzartig darauf reagieren.

Italien: Monti muss Tag für Tag neu überzeugen

Mario Monti, seit 16. November 2011 Ministerpräsident sowie Wirtschafts- und Finanzminister Italiens, hat keine gewachsene Hausmacht im Parlament. Er ist somit darauf angewiesen, Mehrheiten zu finden. Parteien neigen dazu, stets die Interessen ihrer Wählergruppen in den Vordergrund zu stellen. Damit besteht grundsätzlich immer die Gefahr, dass Entscheidungen mehr an den (kurzfristigen) Zielen einer Mehrheit und nicht an der (langfristigen) Sanierung des Staatshaushaltes festgemacht werden. Bleibt zu hoffen, dass die Einsicht über die Notwendigkeiten die Oberhand behält. Dazu gehören ganz bestimmt auch die Umsetzung von Maßnahmen, die langfristig der Gesundung des Staatshaushaltes dienen, kurzfristig jedoch Belastungen der Bürger und den Entfall gewohnter Privilegien bedeuten. Sollte sich ein Trend abzeichnen, wieder in das “Berlusconi-Zeitalter” abzudriften, würden die Kapitalmärkte sehr negativ reagieren.

Weitere Baustellen in Arbeit

Diese sechs Hinweise sind nicht erschöpfend. An zahlreichen Stellen rund um den Globus sind weitere Baustellen in Arbeit. Die Kapitalmärkte sind so verflochten, dass ein Krieg im Nahen Osten, ein Abflauen des Wirtschaftswachstums in China, … und Dutzende von weiteren Ereignissen irgendwo auf der Welt die kleinen und die großen Anleger veranlassen, ihr Kapital blitzartig aus dem Markt zu nehmen. Wir haben keine allseits stabilen Verhältnisse und müssen deswegen weiterhin sehr Risiko-bewusst investieren.

Walter Feil ist Leiter der Niederlassung Bühl der Gies & Heimburger GmbH und Leiter des Investment-Research.