Wie sicher ist Ihre Lebensversicherung?

Geposted von Walter Feil am

Ein nur fünfseitiges Protokoll, das – aus welchem Grund auch immer – dem Handelsblatt zugespielt wurde, sorgt derzeit für Aufregung bei Millionen von Versicherungskunden. Ende Oktober hatten sich im Bundesfinanzministerium Mitglieder des Bundesfinanzausschusses getroffen, um im kleinen Kreis der Fachleute ein äußerst brisantes Thema zu erörtern. Im Kern ging es im die Gefahr einer Schieflage von Versicherungsgesellschaften. Das Thema ist gleich aus mehreren Gründen brisant:

  1. Fast jeder Haushalt in Deutschland besitzt eine oder mehrere Lebens- oder Rentenversicherung. Betroffen sind somit nicht nur eine kleine Minderheit, sondern nahezu alle.
  2. Die private Altersvorsorge wurde von breiten Bevölkerungsschichten zu einem großen Teil im Rahmen von Versicherungsverträgen aufgebaut. Ein Ausfall in diesem Bereich würde den einzelnen hart treffen.
  3. Die Versicherungsgesellschaften sind traditionell mit die wichtigsten Käufer von Staatsanleihen.

Versicherer unterliegen indirekt dem Zwang zum Kauf von Staatsanleihen

Alle Versicherer führen in ihrem Deckungsstock einen hohen Anteil von Staatsanleihen. Dies ist kein Zufall und auch keine ganz freiwillige Entscheidung der jeweiligen Unternehmen.  Es gibt kein Gesetz, mit dem Versicherer explizit gezwungen würden, einen bestimmten Anteil von Staatsanleihen in ihrem Anlageportfolio zu halten. Jedoch müssen alle Versicherer entsprechend dem Risiko, das den einzelnen Anlagewerten zugemessen wird, einen entsprechenden Anteil Eigenkapital vorhalten.

Die Beurteilung des Risikos der einzelnen Anlagearten ist ein äußerst komplexes Thema. Wenn Sie sich tiefer einlesen möchten, finden Sie u.A. auf der Homepage der IHK München ein 77-seitiges PDF-Dokument, in dem die Einzelheiten wissenschaftlich fundiert dargestellt sind. Sie können sich die relevanten Kernpunkte auch einfach so merken:

  1. Alle Anlagearten, die ein Versicherer in den Deckungsstock legt, müssen mit einem dem jeweiligen Risiko entsprechenden Anteil Eigenkapital unterlegt werden.
  2. Staatsanleihen gelten per Definition als risikofrei.

Dies führt dazu, dass sämtliche Versicherer einen hohen Anteil an Staatsanleihen in ihrem Portfolio führen. Das ”freie Eigenkapital” der Gesamtheit aller Lebensversicherungen beträgt nach den Berechnungsvorschriften nach Solvency I 7 %, nach Solvency II nur noch 5 %. (siehe Seite 28 des vorstehend benannten Dokuments). Für Aktienanlagen, die dem extrem langfristigen Charakter einer Vermögensanlage wie einer Versicherung grundsätzlich gut zu Gesicht stehen würden, ist eine deutlich höhere Eigenkapitalquote vorgeschrieben. Dies zwingt die Assetmanager, die über die Allokation von vielen Milliarden Versicherungsvermögen entscheiden müssen, einen großen Teil des Deckungsstockes in Staatsanleihen anzulegen. Neben griechischen Anleihen gilt dies selbstverständlich auch für Anleihen von Italien, Spanien, Portugal, Irland, … (Staatsanleihen im Deckungsstock erfordern keine Abdeckung mit Eigenkapital – siehe Beitrag in Financial Times Deutschland vom Dezember 2011)

Kommentar:
So steuert der Staat die Geldanlage im allgemein als ”sicher” angesehenen Deckungsstock von Versicherungen. Merke: Auch die griechischen Staatsanleihen galten als “sicher” und erforderten keine Risikovorsorge durch Eigenkapital.

Ausfälle und Absenkung des Zinsniveaus bei Staatsanleihen führt zur Krise bei Versicherungen

Einige der bisher als “sicher” eingestuften Staatsanleihen führten in jüngster Zeit zu Ausfällen. Das schmälert die Durchschnittsrendite des Deckungsstocks. Viel dramatischer ist jedoch der extreme Rückgang des Zinsniveaus für Anleihen, in die heute neu investiert werden könnte. Die jüngsten Emissionen deutscher Staatsanleihen, bei denen auch gemäß aktuellere Einschätzung kein überdurchschnittliches Rückzahlungsrisiko besteht, stellen die institutionellen Anleger vor die Wahl, zwischen zwei Katastrophen-Szenarien zu entscheiden:

  • Kurzfristige Anleihen mit einer Restlaufzeit rentieren aktuell mit Null (!). Das bedeutet: Wer dem deutschen Staat per 8.11.2012 Geld für eine Restlaufzeit von ca. 1 Jahr anvertrauen will, erhält dafür keine Rendite. Bei einer Inflationsrate von 2,0 bis 2,5 % führt dies zu einem realen Vermögensverlust von 2 bis 2,5 % innerhalb von einem Jahr.
  • Langfristige Anleihen mit einer Laufzeit von 10 Jahren (z.B. Bundesanleihe 12/22 mit 1,5 % Zins bis zum 4.9.2022) rentieren per 8.11.2012 mit 1,34 %. Dies bedeutet: Wer diese Anleihe kauft, erzielt nach Inflation immer noch einen realen Vermögensverlust von ca. 1 % jährlich, was für 10 Jahre etwa 10 % Vermögensverlust bedeutet. Dazu kommt noch die akute Gefahr eines deutlich größeren Vermögensverlustes, der sofort eintreten wird, wenn das Zinsniveau wieder anzieht. Steigende Zinsen führen bekanntlich zu Kursverlusten bei Anleihen. Je länger die Restlaufzeit bis zur Rückzahlung, desto heftiger ist der Kursverlust.

Kein Wunder, dass die Assetmanager der deutschen Versicherer darüber verhandeln, eine Lockerung der Anlagevorschriften zu erreichen. Dann könnten sie sich (unter Anderem) an der renditeträchtigen Finanzierung der so dringend benötigten neuen Stromtrassen beteiligen, für die letztlich eine Renditegarantie von über 9 % gilt.

Hohe Garantien und niedriges Zinsniveau passen nicht zusammen

Das Kernproblem der Versicherer ist die Tatsache, dass für alle bestehenden Verträge stets sehr lang laufende Rendite-Garantien gegeben wurden. Dies war ja auch ein wichtiges Argument für den Abschluss. Nun ist es noch recht unkritisch, die seit 1.1.2012 gültige Renditegarantie von 1,75 % (nur auf das im Deckungsstock angelegte Kapital, nicht auf die Einzahlung) zu erfüllen. Problematisch, wirklich problematisch, werden jedoch die Garantien, die für Verträge mit einem früheren Vertragsabschluss ausgesprochen wurden, da diese Zusagen stets für die gesamte Vertragslaufzeit gelten.

1990 konnte sich noch niemand vorstellen, dass wir 20 Jahre später in eine anhaltende Niedrigzinsphase hineinlaufen würden. Diese Niedrig-Zinsen sind auch nicht durch das freie Wechselspiel der Märkte entstanden, sondern politisch veranlasst und über die Notenbanken gesteuert.

Der Garantiezins gilt stets für die gesamte Vertragslaufzeit

Der Garantiezins auf den Sparanteil von klassischen Versicherungen, deren Deckungsstock vom Versicherungsunternehmen selbst verwaltet wird, (also keine Fondsgebundenen Versicherungen), gilt stets für die gesamte Vertragslaufzeit. Dieser Garantiezins wurde die letzten 20 Jahre mehrfach geändert und liegt für Vertragsabschlüsse in den Jahren

  • von 1986 bis 1993 bei 3,50 %
  • von 1994 bis 2000 bei 4,00 %
  • von 2001 bis 2003 bei 3,25 %
  • von 2004 bis 2006 bei 2,75 %
  • von 2007 bis 2011 bei 2,25 %
  • seit 2012 bei 1,75 %

Die Durchschnittsrendite der Kapitalanlagen fiel seit 2001 stark ab

Im Jahr 2001 erzielten die deutschen Lebensversicherer noch eine durchschnittliche Rendite von 7,10 % auf ihre Anlagen im Deckungsstock. Dies ermöglichte es den Versicherern, neben der Erfüllung ihrer Garantien noch einen zusätzlichen Überschuss zuzuteilen. Seitdem sank die durchschnittliche Rendite jedoch fortlaufend ab: Jede Anleihe aus früheren Hochzins-Zeiten, die fällig wurde, musste durch eine neue Anleihe mit einem geringerem Zinsertrag ersetzt werden.

Laufende Verzinsung der lebensversicherer in Deutschland 2001 bis 2012

Die Durchschnittsrendite der Kapitalanlagen für den Deckungsstock von konventionellen Versicherungen fiel von 2001 bis 2012 stark zurück. Damit wird es von Jahr zu Jahr schwieriger, die früher gegebenen Garantieversprechen einzuhalten.

Die negative Rendite-Entwicklung wird sich weiter fortsetzen

Weiterhin fallen Monat für Monat alte Hochzins-Anleihen aus dem Bestand heraus, und neue Anleihen mit deutlich geringeren Erträgen kommen hinzu. Dies ist auch der Grund, warum – dem Regelwerk entsprechend – die Garantieverzinsung für neu abgeschlossene Verträge heute bei nur noch 1,75 % liegt. Dies entspricht 60 % des Zinsniveaus, das sich aus einem Mix von Anleihen in den jeweils letzten 10 Jahren ergibt.

Gleichwohl müssen die Garantien für die Verträge mit Beginn 1986 bis 1993 mit 3,5 % und mit Beginn 1994 bis 2000 mit 4,0 % weiterhin erfüllt werden. Diese kritische Situation mag wohl auch der Grund gewesen sein, dass vor wenigen Tagen einige Mitglieder des Bundesfinanzausschusses Maßnahmen diskutierten, mit denen dieses Problem entschärft werden könnte.

Mögliche Maßnahmen zur Überwindung des Problems

Gemäß dem Bericht im Handelsblatt wurde ein “Mix” von Maßnahmen diskutiert, “der in seiner Gesamtheit dazu führt, dass die Versicherer auch unter ungünstigen Umständen ihre Leistungsversprechen einhalten”. Dazu zählt auch eine weitere Absenkung des Garantieniveaus (für dann neu abgeschlossene Verträge).

Kommentar:
Wer heute Einzahlungen in derartige Verträge mit nur 1,75 % Garantieverzinsung (künftig vielleicht noch weniger) leistet, finanziert mit seinem Geld die Renditen für die früheren Verträge, die mit 4,0 % Garantieverzinsung ausgestattet sind, mit. Das erscheint mir nicht besonders klug.

Weiterhin beschloss der Finanzausschuss im Zug der Reform des Versicherungsaufsichtsgesetzes eine “weitere Maßnahme zur Stabilisierung des Lebensversicherungssektors. Sie stellt sicher, dass Bewertungsreserven auf Kapitalanlagen, die ein Versicherer zur Sicherstellung seiner Garantiezusagen erworben hat, auch bei sinkenden Kapitalmarktzinsen im Unternehmen verbleiben können.”

Kommentar:
Kapitalanlagen aus früheren Hochzinszeiten notieren heute zufolge der starken Reduzierung des Zinsniveaus für neue Anleihen deutlich über 100 %. Das interpretiere ich als “Bewertungsreserven”. Diese Kursgewinne gehören den Versicherten, mit deren Beiträgen diese Hochzinsanleihen erworben wurden. Wenn nun ein Vertrag aus früheren Zeiten heute fällig wird, müsste dieser Vertrag normalerweise an Bewertungsreserven partizipieren und eine entsprechende Zuweisung als Überschussbeteiligung erhalten. Diese “Bewertungsreserven” sollen jetzt jedoch beim Versicherer bleiben, um den Versicherungssektor “zu stabilisieren”.

Die Politik hilft den Versicherern – und die Versicherer helfen der Politik

Axel Kleinlein, Chef des Bundes der Versicherten, sagte dem Handelsblatt, dass “die Bundesregierung auf die Versicherungsbranche wegen ihrer Funktion als institutioneller Investor angewiesen” ist. Der Zusammenhang wurde ja schon zu Beginn dieses Beitrags deutlich: Die Versicherungskunden geben ihr Geld an die Versicherer und die Versicherer kaufen davon – unter anderem – Staatsanleihen. So wird der Sparer zum Staatsfinanzier, auch wenn sich das für ihn nicht mehr lohnt, wenn die Nominalrenditen der neu gekauften Staatsanleihen unter die Inflationsrate sinken.

Krisenvorsorge in mehreren Schritten

Pragmatisch betrachtet sind Maßnahmen, die relativ unauffällig zur Sanierung der problembehafteten Deckungsstöcke führen, auch bei allen negativen Folgen immer noch klüger als die Methode des sprichwörtlichen Vogel Strauß, der den Kopf in den Sand steckt, um alle auf ihn zukommenden Probleme auszublenden. Mit diesem ersten Schritt könnte ein Run auf die Versicherer vermieden bzw. eine Kündigungswelle zumindest in Grenzen gehalten werden.

Schlimmer und mit dramatischen Folgen könnte es sich auswirken, wenn als weitere Krisenmaßnahme die schon seit langem in § 89 VAG (Versicherungsaufsichtsgesetz) vorsorglich festgelegten Regelungen angewendet werden müssten. In diesem Gesetz heißt es (auszugsweise):

§ 89 Zahlungsverbot; Herabsetzung von Leistungen

(1) Ergibt sich bei der Prüfung der Geschäftsführung und der Vermögenslage eines (Versicherungs-)  Unternehmens, dass dieses für die Dauer nicht mehr imstande ist, seine Verpflichtungen zu erfüllen, die Vermeidung des Insolvenzverfahrens aber zum Besten der Versicherten geboten erscheint, so kann die Aufsichtsbehörde das hierzu Erforderliche anordnen.  … Alle Arten Zahlungen, besonders Versicherungsleistungen, Gewinnverteilungen und bei Lebensversicherungen der Rückkauf oder die Beleihung des Versicherungsscheins sowie Vorauszahlungen darauf, können zeitweilig verboten werden. …

(2) Unter der Voraussetzung in Absatz 1 Satz 1 kann die Aufsichtsbehörde, wenn nötig, die Verpflichtungen eines Lebensversicherungsunternehmens aus seinen Versicherungen dem Vermögensstand entsprechend herabsetzen. … Bei der Herabsetzung werden, soweit Deckungsrückstellungen der einzelnen Versicherungsverträge bestehen, zunächst die Deckungsrückstellungen herabgesetzt und danach die Versicherungssummen neu festgestellt, sonst diese unmittelbar herabgesetzt. Die Pflicht der Versicherungsnehmer, die Versicherungsentgelte in der bisherigen Höhe weiterzuzahlen, wird durch die Herabsetzung nicht berührt.

Kommentar:
Dies bedeutet nichts anderes, als dass im Krisenfall auch die stets so deutlich betonte Garantie nicht mehr gilt. Darüber kann man sich nun ereifern oder auch nicht. Pragmatisch betrachtet kann eine garantierte Verzinsung nicht ausbezahlt werden, wenn sie vorher nicht verdient worden ist. Der Lerneffekt daraus ist (wieder einmal mehr), dass es nirgendwo eine Garantie auf lebenslange Rendite gibt, auch nicht bei einer Lebens-  oder Rentenversicherung, die ja eigentlich “lebenslang” die garantierte Rente zahlen soll.

Fondsgebundene Versicherungen sind davon nicht betroffen

Bei Fondsgebundenen Versicherungen werden die Vermögensanlagen nicht vom Versicherer ausgewählt und (unter Berücksichtigung der Interessen in Zusammenhang mit Eigenkapital und Staatsfinanzierung) angelegt. Vielmehr trifft der Versicherungskunde selbst die Entscheidung, dass er gewisse von ihm selbst ausgewählte Fonds oder Anlagestrategien haben möchte. Dementsprechend gibt es auch keine Garantien vom Versicherer in Zusammenhang mit irgendeiner “garantierten Verzinsung”. Die Wertentwicklung des angelegten Versicherungsvermögens hängt nicht von einem “Deckungsstock” in Eigenverwaltung des Versicherungsunternehmens, sondern wesentlich von der Entwicklung der vom Kunden selbst gewählten Fonds oder Anlagestrategien ab.

Alternativen zu konventionellen Versicherungen gemäß Ihren Anlagezielen

Sollten Sie in diesen Tagen darüber nachdenken, Kapital “für später” anzulegen, empfehlen wir Ihnen keine konventionelle Lebens- oder Rentenversicherung. Am freien Kapitalmarkt stehen Ihnen deutlich sinnvollere Alternativen zur Verfügung. Ein Beispiel zeigt die Grafik in Form von drei Anlagestrategien, die gemäß den persönlichen Zielstellung zusammengestellt werden können.

3ik-Strategiefonds I, 3ik-Strategiefonds II, 3ik-Strategiefonds III

Die Alternative zu einer konventionellen Versicherung ist eine freie Kapitalanlage in einem Fonds oder eine Fondsgebundene Versicherung, die mit Fonds gemäß den persönlichen Anlagezielen des Investors bestückt ist. Im Bild drei Vermögensverwaltende Fonds, die sowohl für ein Depot als auch für eine FLV Versicherung erworben werden können.

 

Walter Feil ist Leiter der Niederlassung Bühl der Gies & Heimburger GmbH und Leiter des Investment-Research.