Gastbeitrag unseres langjährigen Geschäftspartners Walter Feil – IhrKonzept GmbH
Ich beobachte seit vielen Jahren die Finanzmärkte. Aber eines hat mich immer wieder erstaunt: Wie kann es sein, dass der Ölpreis plötzlich steigt oder fällt – angeblich, weil ein paar Tanker weniger unterwegs sind oder ein Förderfeld kurzzeitig ausfällt – und daraufhin sofort die gesamte Weltwirtschaft nervös wird?
Ein paar Millionen Barrel mehr oder weniger pro Tag sollen genügen, um Aktienmärkte, Inflationserwartungen und sogar geopolitische Strategien zu beeinflussen. Ich muss gestehen: Das fällt mir schwer zu glauben. Es wirkt beinahe so, als würden wir alle einem Preis hinterherlaufen, der mit der realen Welt nur noch sehr wenig zu tun hat.
Wenn man die täglichen Nachrichten verfolgt, entsteht fast der Eindruck, dass dieser eine Preis – der sogenannte Spot- oder Futurespreis für Öl – eine Art moderne Gottheit geworden ist. Nachrichtenagenturen, Fernsehsender, Analysten und Kommentatoren behandeln ihn mit einer Ehrfurcht, die mich an das Goldene Kalb aus der biblischen Geschichte vom Berg Sinai erinnert. Alle schauen darauf, alle zitieren ihn – aber kaum jemand stellt die entscheidende Frage: Wie entsteht dieser Preis eigentlich wirklich?
Je tiefer man sich damit beschäftigt, desto deutlicher wird: Der Ölpreis entsteht nicht primär im physischen Handel mit Öl. Vielmehr wird er an Finanzmärkten gebildet, an denen täglich ein Vielfaches der tatsächlichen Weltproduktion gehandelt wird.
Und während die Öffentlichkeit über steigende Benzinpreise diskutiert, gibt es eine kleine Gruppe von globalen Rohstoffhändlern, die von diesen Marktbewegungen enorm profitieren. Ihre Rolle und ihr Einfluss werden in einem sehr lesenswerten Buch beschrieben:
The World for Sale, (z.B. bei Amazon, 29,90 Euro)

Dieses Buch erzählt die Geschichte der großen Rohstoffhändler – Firmen wie Vitol, Trafigura oder Glencore – und zeigt, wie diese Unternehmen über Jahrzehnte hinweg enorme Gewinne aus geopolitischen Krisen und Preisschwankungen erzielen konnten. Bei starken Marktverwerfungen verdienen diese Handelsfirmen teilweise Milliarden innerhalb kürzester Zeit.
Vor diesem Hintergrund lohnt sich ein nüchterner Blick auf die Mechanik der Ölpreisbildung.
Wie der Ölpreis tatsächlich entsteht. Die globale Ölproduktion.
Die Welt verbraucht derzeit ungefähr 100 bis 102 Millionen Barrel Öl pro Tag. Ein Barrel entspricht 159 Litern. Öl bleibt damit weiterhin der wichtigste Energieträger der Weltwirtschaft.
Produziert wird dieses Öl von staatlichen und privaten Konzernen wie Saudi Aramco, ExxonMobil, Chevron, BP und anderen. Doch diese physische Produktion bestimmt den täglichen Marktpreis nur indirekt.
Die Rolle der Benchmark-Ölsorten
Der internationale Ölhandel orientiert sich an wenigen Referenzsorten. Die wichtigsten sind:
Dubai/Oman (Asien)
Brent (Europa / globaler Referenzpreis)
WTI – West Texas Intermediate (USA)
Der wichtigste Preis ist Brent. Über 70 % des weltweiten Ölhandels wird relativ zu diesem Preis festgelegt.
Interessanterweise basiert dieser Referenzpreis nur auf einer sehr kleinen physisch produzierten Ölmenge aus der Nordsee. Diese sogenannte BFOET-Gruppe (Brent, Forties, Oseberg, Ekofisk, Troll) umfasst weniger als ein Prozent der globalen Ölproduktion. Trotzdem dient sie als Preisanker für den Großteil des weltweiten Handels.
Der Futuresmarkt – das eigentliche Zentrum der Preisbildung
Der täglich in den Nachrichten zitierte Ölpreis stammt in der Regel aus dem Terminmarkt. Dort werden sogenannte Futures-Kontrakte gehandelt. Ein Futures-Kontrakt umfasst typischerweise 1.000 Barrel Öl. Der Handel erfolgt vor allem an zwei Börsen, nämlich an der ICE Futures Europe und der CME Group.
Das tägliche Handelsvolumen dieser Futuresmärkte entspricht häufig mehr als einer Milliarde Barrel Öl pro Tag.
Zum Vergleich:
- Weltverbrauch: etwa 100 Millionen Barrel pro Tag
- Futureshandel: teilweise über 1 bis 2 Milliarden Barrel pro Tag
Diese Gegenüberstellung sollten wir zweimal lesen: Der Finanzmarkt (Futureshandel) ist 10- bis 20mal umfangreicher als der physische Markt. Am Finanzmarkt werden täglich 10- bis 20mal mehr Lieferkontrakte gehandelt als die gesamte Welt an Öl tatsächlich verbraucht!
Damit bestätigt sich mein Verdacht, dass wir Verbraucher und Investoren mit dem „Spotpreis“ einem künstlichen Finanzmarktprodukt huldigen, das mit dem tatsächlichen Verbrauch an Öl nur bedingt etwas zu tun hat.
Der physische Spotmarkt
Der physische Spotmarkt – also kurzfristige reale Ölverkäufe – spielt dagegen eine deutlich kleinere Rolle. Typische Handelsgrößen sind Tankerladungen von ein bis zwei Millionen Barrel. Große unabhängige Rohstoffhändler dominieren diesen Bereich, darunter, Vitol, Trafigura, Glencore und Gunvor. Diese Unternehmen handeln sowohl physisches Öl als auch Finanzkontrakte und können dadurch Preisunterschiede zwischen verschiedenen Märkten ausnutzen. Sie verdienen damit Milliarden in kürzester Zeit.
Warum der Ölpreis so stark schwankt
Kurzfristige Preisschwankungen entstehen häufig nicht durch reale Veränderungen der Fördermengen, sondern durch Erwartungen und Positionierungen im Terminmarkt. Mehrere Faktoren spielen dabei eine Rolle:
- geopolitische Risiken
- Erwartungen über das Wirtschaftswachstum
- Positionen großer Hedgefonds
- automatische Handelsstrategien (Trendfolgesysteme)
Schon relativ kleine Veränderungen der Marktstimmung können große Preisbewegungen auslösen.
Fazit
Der weltweit beachtete Ölpreis entsteht nicht primär durch den physischen Austausch von Rohöl, sondern durch einen komplexen Finanzmarkt, der ein Vielfaches der realen Produktionsmenge bewegt.
Ein relativ kleiner Benchmarkmarkt dient dabei als Referenz für einen globalen Handel im Umfang von über hundert Millionen Barrel täglich.
Die Folge ist ein System, in dem Erwartungen, Finanzströme und geopolitische Ereignisse kurzfristig eine deutlich größere Rolle spielen können als reale Veränderungen der Fördermengen.
Für Investoren bedeutet dies: Wer die Dynamik des Ölpreises verstehen will, muss nicht nur auf Fördermengen und Tankerbewegungen achten – sondern vor allem auf die Struktur der Finanzmärkte, in denen dieser Preis entsteht. Meine Empfehlung: lassen Sie sich nicht von diesem goldenen Kalb nervös machen. Es ist zu einem großen Teil ein reines Spekulations-Geschöpf.