Indien – wirtschaftlich das neue China?

Geposted von Andreas Rosner am

Indien stemmt sich gegen die globale Wachstumsschwäche

In Zeiten abnehmender Wirtschaftsdynamik lohnt immer wieder der Blick in die Schwellenländer (Emerging Markets). In den großen entwickelten Wirtschaftsnationen wie USA, Japan, Deutschland und auch China (ist zwar formal noch ein Schwellenland – faktisch eher nicht) sind die Wachstumszahlen in diesem Jahr rückläufig und eine Umkehr dieser Entwicklung, ist auf kurze Sicht kaum zu erwarten.

Ein anderes Bild zeigt sich dagegen mittelfristig in Indien. Nach China (1,4 Milliarden) ist Indien mit 1,3 Milliarden Einwohnern das zweitbevölkerungsreichste Land auf unserem Planeten.  Interessant ist dabei der Blick auf das Durchschnittsalter der Bevölkerung, das bei ca. 28 Jahren liegt. Zum Vergleich, in Deutschland liegen wir bei ca. 44 Jahren.

Entwicklung des Durchschnittsalters der indischen Bevölkerung von 1950 bis 2020 (Altersmedian in Jahren).

 

Reformer Narendra Modi

Nachdem im Jahr 2018 die Wirtschaft in Indien mit 7,3 Prozent gewachsen ist, erwartet man für 2019 einen Zuwachs von immerhin noch 6,3 Prozent und eine Beschleunigung auf jeweils 7% in 2020 und 2021. Somit wächst Indien dynamischer als China (2019 = 6,3%, 2020 = 6%, 2021 = 5,8% – dies sind die diskutablen offiziellen Zahlen). Dies hat viel mit dem sehr wirtschaftsorientierten Premier Narendra Modi zu tun, der im Mai dieses Jahres für weitere fünf Jahre gewählt wurde und der nun den von ihm, bei seiner ersten Wahl initiierten Reformkurs, fortsetzen kann. Zumal er bei den Wahlen im Mai 2019 die absolute Mehrheit sogar ausbauen konnte. Die Konrad Adenauer Stiftung schreibt dazu: „Dieser Reformkurs beinhaltete unter anderem die drei Slogans „Make in India“, „Skill India“ und „Digital India“, die sich auch an ausländische Unternehmen richteten. Aber auch diesen wurde nach anfänglicher Euphorie klar, dass es in Indien, allein aufgrund bürokratischer Hürden, einen langen Atem braucht.

Nichtsdestotrotz gilt Modi weiterhin als wirtschaftsfreundlicher Premier, der nicht zuletzt aufgrund seines guten wirtschaftlichen Abschneidens als Regierungschef des Bundesstaates Gujarat hohes Ansehen genießt. Im Bereich der Wirtschaftsreformen konnte Modi zudem mit der Einführung der „Goods and Services Tax“ (GST) punkten, einer einheitlichen Umsatzsteuer für Indien. Im „Doing-Business-Index” der Weltbank, in dem gemessen wird, wie schwer bzw. leicht eine Unternehmensgründung und -führung in einem Land ist, hat sich Indien seit der Regierungsübernahme durch Modi von Rang 140 auf 77 verbessert. Hinzu kommen deutliche Fortschritte bei der Vergabe von Baugenehmigungen und Krediten, die die Wachstumskräfte Indiens beflügeln konnten.

Mit dem, bereits verabschiedeten neuen Insolvenzrecht wurde ein klarer gesetzlicher Rahmen zur Geltendmachung von Forderungen geschaffen. Die Dauer von Insolvenzverfahren ist deutlich verkürzt worden und es wurden Anreize für Umschuldungen und den Abbau von Verbindlichkeiten anstelle einer Liquidation bei Zahlungsunfähigkeit geschaffen. Erste Erfolge dieser Maßnahme erkennt man daran, dass der Peak bei faulen Bankkrediten sog. bad bank loans überschritten ist.

Fazit

Der indische Aktienmarkt dürfte unseres Erachtens zukünftig noch deutlicher in den Fokus internationaler Investoren rücken, profitiert er doch von einer Kombination dynamisch wachsender Unternehmensgewinne (dank greifender Reformen), hohem BIP Wachstum und einer günstigen Altersstruktur.

Aktuell erachten wir die fundamentale Bewertung indischer Aktien insgesamt für zu teuer, so dass wir für mögliche Investitionen eine Korrektur abwarten wollen.

Andreas Rosner ist Direktor Privatkunden der Gies und Heimburger GmbH.